Bereits in der Antike gab es unterschiedliche Ansichten über die Rolle der Frau in der Gesellschaft. (Bild: Platon und Aristoteles, Ausschnitt aus einem Fresko von Raffael, WikiCommons)

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Warum das Matriarchat auch keine Lösung ist

Hätten mehrheitlich Frauen anstelle von Männern die Macht in Politik und Wirtschaft, wäre die Welt friedlicher und gerechter, so eine populäre Vorstellung. Ein kleiner Exkurs in die Geschichte zeigt jedoch: Die Matriarchatsidee kennt unterschiedliche Auslegungen. Und sie ist umstritten. Auch innerhalb der Frauenbewegung.

«Smash the Patriarchy!» Pappschilder mit dem martialischen Spruch fehlen auch in der Schweiz an keiner feministischen Demo. Führt man sich vor Augen, was der männlichen Dominanz gemeinhin alles zugeschrieben wird – Ungleichheit, Sexismus, Rassismus, Unterdrückung, Gewalt –, kann man auch als friedliebender Mensch gar nicht anders, als sich der Forderung spontan anzuschliessen. Bloss: Was genau soll eigentlich «zerschmettert» werden? Wer könnte dies tun oder hätte genügend Macht, es anzuordnen? Wer würde der Order folgen? Und vor allem: Was käme stattdessen? Wäre ein Matriarchat erstrebenswert? Das ist die Gretchenfrage und Gegenstand verschiedener Forschungsrichtungen.

Dominanz ohne Herrschaft?
Sicher ist: Der Begriff Matriarchat ist emotionsgeladen und diffus; er steht für eine Vielzahl von individuellen Vorstellungen und Sichtweisen. Das Spektrum reicht von romantischer Verklärung der friedfertigen Frau bis zu zum Schreckensbild einer von Radikalfeministinnen bestimmten Gesellschaft, also ein Spiegelbild des Patriarchats, einfach mit weiblichem Personal. Nein danke. Hoffnungsfroher stimmt die Auslegung der modernen Matriarchatsforschung. Diese versteht unter einem Matriarchat «eine von Frauen geschaffene und geprägte Gesellschaft, in denen sie dominieren, aber nicht herrschen…»1) Wie dominieren ohne  zu (be-)herrschen unter den heutigen Bedingungen funktionieren soll, ist allerdings eine weitere unbeantwortete Frage.

Am Anfang war die Mutter
Allen Interpretationen gemeinsam ist, dass es um das Machtverhältnis zwischen Männern und Frauen geht. Zentral sind zudem die Bedeutung der Mutter sowie religiöse Vorstellungen, die auf eine Ahnfrau oder Grosse Göttin zurückgeführt werden. Die Wissenschaft entdeckte das Thema im 19. Jahrhundert für sich, als Reisende vermehrt begannen, von fernen Völkern zu berichteten, die sich nach mutterrechtlichen Strukturen organisierten. Mit Mutterrecht ist der matrilineare Erbgang gemeint. Dessen Kennzeichen sind die stark ausgeprägte Bindung an eine weibliche Verwandtschaftslinie, die auch die Weitergabe von Status und (Land-)Besitz umfasst. Matrilinearität allein sagt jedoch nichts aus über die Stellung und die Macht der Frauen in einer Gesellschaft insgesamt.

Die Überlegenheit des Männlichen
Die wissenschaftliche Spurensuche über die Rolle der Frauen im Lauf der Geschichte hat ein Schweizer angestossen: Der Rechts- und Religionsgelehrte Johann Jakob Bachofen aus Basel veröffentlichte 1861 ein rund 1000-seitiges Werk über das «Mutterrecht», wie das Matriarchat damals genannt wurde. Das Buch galt lange als Standardwerk zum Thema und hatte auch auf die feministische Theorie und die Anthropologie einen erheblichen Einfluss. Bachofen, der als konservativer Patriarch beschrieben wird, spekulierte öffentlich über eine entwicklungsgeschichtliche Bedingtheit der Geschlechterrollen und darüber, dass auch das Patriarchat eine vorübergehende Erscheinung sein könnte. Dabei ging es ihm jedoch nicht um die Förderung der Frauenherrschaft. Vielmehr sah er im Mutterrecht ein Frühstadium der Menschheit, das es zum Wohl der Menschheit zu überwinden galt: vom weiblich-stofflichen zum männlich-geistigen Prinzip, von der Natur zur Kultur.

Auch andere Strömungen und ihre Vertreter befassten sich intensiv mit dem Thema und der Frauenfrage, darunter massgeblich die prominenten Sozialisten Friedrich Engels und August Bebel. Anders als Bachofen war ihnen die Wertschätzung und Stärkung der Stellung der Frauen ein zentrales Anliegen. Die Aktivistinnen der ersten Frauenbewegung hingegen fokussierten lange stark auf die Rechte der Arbeiterklasse und beachteten die Mutterrechtsidee kaum. Zu den unerfreulichen Auswüchsen in der Geschichte der Matriarchatsidee gehört der staatlich forcierte Mutterkult der Nationalsozialisten. Dieser hatte selbstredend nichts mit Frauenmacht und Emanzipation zu tun.

Besser, da weiblich
Mit der Entstehung der neuen Frauenbewegung in den 1970er-Jahren wurde das Matriarchat als politischer Kampfbegriff im Aufstand gegen die Männerwelt entdeckt und fortan zur Projektionsfläche für eine bessere, da weiblich bestimmte Zukunft.

Ob es ein echtes Matriarchat – also eine grössere Gesellschaft, in der die politische Macht und Dominanz in der Hand von Frauen liegt – je irgendwo gegeben hat, ist allerdings auch innerhalb der Wissenschaften bis heute umstritten. Nachweise dafür gibt es keine. Zwar kann man Spuren von Matrilinearität bis in die Antike zurückverfolgen, und auch heute noch existieren laut dem Schweizer Matriarchiv2) noch rund 200 Völker, die sich so organisieren. Es gibt sie aber wohl nur deshalb noch, weil die meisten sehr abgeschieden leben.

Historisch und ethnologisch ist die Fragen nach der Existenz und Ausprägung von Matriarchaten zweifellos faszinierend. Politisch hingegen scheint die Frage müssig, ob das Matriarchat für unsere globalisierte und multikulturelle Welt eine erstrebenswerte Alternative zum Patriarchat wäre. Denn was wir mit dem Schlagwort «Patriarchat» versehen, ist ein während Jahrtausenden gewachsenes System materieller und kultureller Beziehungen und Abhängigkeiten zwischen den Geschlechtern – aber auch zwischen den verschiedenen Schichten der Bevölkerung. Auch die Religionen und Mythen spielten bzw. spielen in der ganzen Gemengelage eine massgebliche Rolle. ​Dieses System ist mit einer eigenen Logik ausgestattet und durchdringt jeweils ganze Gesellschaften. Inzwischen ist es zudem derart eng mit dem kapitalistischen Wirtschaftssystem verwoben, dass beides zwingend zusammengedacht werden muss: Wenn überhaupt, dann «Smash Patriarchy and Capitalism!» Und die elektronischen Massenmedien gleich damit,  sonst wird das nichts mit der besseren Welt.

Keine universelle weibliche Unterordnung
Womit wir wieder bei der Eingangsfrage sind: Wie kriegen wir die Übel los? Solange hier niemand eine Antwort weiss, hilft vielleicht Realismus. Dazu gehörte eine weniger ideologiegeleitete Auslegung der Begriffe. Patriarchat und Matriarchat müssen dann nicht als entgegengesetzte feste Zustände verstanden werden, sondern als die beiden Pole eines dynamischen Kontinuums, zwischen denen Gesellschaften sich bewegen. Einmal überwiegen die weiblichen, dann die männlichen Anteile. Die US-amerikanische Anthropologin Peggy Reeves Sanday hat Anfang der 1980er-Jahre eine grosse kulturübergreifende Studie zu indigenen Gesellschaften publiziert, die solche Pendelbewegungen zu bestätigen scheint. Sanday bestritt das populäre Argument der jahrtausendealten universellen weiblichen Unterordnung. Sie argumentierte stattdessen, dass männliche Dominanz unter den Bedingungen von kulturellen Stress-Situationen – Krieg, Hunger, Epidemien, Naturkatastrophen, kulturelle Umwälzungen… – als Lösung entstanden sei.3)

Starke Kerle im Aufwind
Die globale Entwicklung der letzten Jahre scheint dies auch für die modernen, in der Geschlechterfrage eigentlich fortschrittlichen Gesellschaften zu bestätigen. Anzeichen für eine Schwächung des Patriarchats oder des globalen Kapitalismus sind aktuell weit und breit keine zu erkennen. Im Gegenteil: Schon lange nicht mehr hatten starke Kerle derart grossen Rückhalt in so vielen Gesellschaften wie gerade jetzt. Auch wegen Millionen von Frauen, die groteske Karikaturen von Patriachatsvertretern begeistert an die Macht wählen: Männer wie Trump («I alone can fix it!»), Vance, Musk, Putin, Orban und wie sie alle heissen. Und gerne auch herrisch auftretende Frauen wie Weidel oder Le Pen. Warum bloss?

Dass wir uns aktuell in einer «kulturellen Stress-Situation» befinden, wird kaum jemand ernsthaft bestreiten wollen. Und da gilt eben: Je grösser die Überforderung, je zahlreicher die Unsicherheiten bezüglich Gegenwart und Zukunft – privat, beruflich, wirtschaftlich, politisch – , desto grösser die Sehnsucht nach einer starken ordnenden Hand, und desto attraktiver ein Politstil, der auf autoritäres Durchgreifen, einseitige Schuldzuweisungen und grösstmögliche Reduktion von komplexen Problemen setzt.
Ob «rechts» oder «links», ob weiblich oder männlich: Menschen scheinen dafür gleichermassen anfällig.

 

Mehr erfahren / Quellen:

1 Heide Göttner-Abendroth, https://goettner-abendroth.de/matriarchat
zitiert in: Röder, Brigitte: «Schreckbilder und Visionen von einer anderen Gesellschaft – Die Geschichte der Matriarchatsidee»

2 MatriArchiv: Das MatriArchiv in St. Gallen vermittelt Fachliteratur zu matriarchalen Gesellschaften in Geschichte und Gegenwart und organisiert Veranstaltungen zu Matriarchatsthemen.
http://matriarchiv.ch

3 Sanday, Peggy Reeves. «Female Power and Male Dominance: On the Origins of Sexual Inequality». Cambridge: Cambridge University Press, 1996.

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