Klare Rollenverteilung, christliche Tugenden, weisse Hautfarbe: die US-amerikanische Musterfamilie aus den 1950ern ist zurück. (Bild: ChatGPT

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Amerikas Traum von der heilen Familie

US-Präsident Donald Trump orientiert sich bei seiner Innenpolitik am «familienfreundlichen» Project 2025. Das ist nicht nur für Amerikas Frauen eine schlechte Nachricht. 

Es gibt in Amerika dieses Ideal von der Familie der fünfziger und frühen sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts: Abends kommt Daddy von der Arbeit nach Hause, Mum serviert das selbst gekochte Dinner, alle essen gemeinsam und geniessen das Zusammensein. Das «Family Dinner» gilt heute noch als Heilmittel für alle möglichen Übel von Fettleibigkeit über Depressionen bis Einsamkeit. Auch die Autoren und – wenigen – Autorinnen des «Project 2025» wollten mit ihrem autoritaristischen, 900-seitigen Weissbuch bei der Wählerschaft von Donald Trump wohl diese Bilder von der heilen Familie heraufbeschwören.

Die Schrift sollte uns in Europa nicht kalt lassen. Denn Trends aus Amerika neigen dazu, sich auch in Europa bemerkbar zu machen. Das wurde offensichtlich, als Donald Trump schon in seinen ersten Amtstagen Anfang 2025 seiner ganzen Administration handstreichartig den Gebrauch von an die 250 Wörtern in Regierungsdokumenten verbot, darunter «Frau», «Gender», «Inklusion», «Diversität», «Behinderung», «Schwarz und Latinx», «lesbisch» und «LGBTQ». Er kübelte damit die gesamte Gleichstellungsförderung und -forschung in den USA, ganz im Sinne der erzkonservativen Heritage Foundation, die «Project 2025» verfasst hat. Wenig später strichen zum Beispiel auch der deutsche Softwareriese SAP und die Schweizer Konzerne UBS, Novartis und Roche die Gleichstellungsprogramme aus ihren öffentlichen Auftritten. Sie wollten keine Staatsaufträge aus den USA verlieren oder gar mit den dortigen Gesetzen in Konflikt geraten.

Veränderungen, die alle Frauen betreffen
In der US-Politik verändert sich gerade etwas Grundlegendes, was alle Frauen betrifft. Deshalb lohnt sich ein Blick in das Papier, das gleich in der Einführung die vier Hauptziele der neuen Politik festhält. Das allererste:: Die neue Administration muss «die Familie wieder zum Kernstück des amerikanischen Lebens machen und unsere Kinder schützen.» (S. 3). Das Wohlergehen der Familien sei «die wahre Priorität der Politik.» Denn, so Kevin D. Roberts, Vordenker der Heritage Foundation, die amerikanische Familie befinde sich in der Krise, ja, nahe der Implosion. Eine der Hauptursachen: die Einelternfamilie. 40 Prozent aller Kinder in den USA wachsen in solchen auf, in Schwarzen Familien sind es sogar 70 Prozent. Das sei schlimm, denn: «Es gibt kein Regierungsprogramm, das die Leere füllen kann, die durch die Abwesenheit des Vaters in der Seele eines Kindes entsteht.» Die Folgen, so Roberts: Opioidabhängigkeit und psychische Krankheiten.

Eine Familie, das legt das Paper klar und deutlich fest, besteht aus einer Mutter und einem Vater, verheiratet, und ihren Kindern (S. 481). Da haben wir sie also wieder, die klassische Kleinfamilie – und bei «Mutter» und «Vater» ist eindeutig das biologische Geschlecht gemeint. Die Familie, so Roberts, ist «das Fundament einer gut geordneten Nation und einer gesunden Gesellschaft».

Auch der Zugang zur Pille soll erschwert werden
Für Frauen ist diese Rückbesinnung auf traditionelle Familienwerte keine gute Nachricht. Zwar geht Project 2025 nicht so weit, das Hausfrauendasein zu glorifizieren. Das Papier enthält aber Pläne, Familien dafür zu bezahlen, dass ein Elternteil (wohl meist die Mutter) zu Hause bleibt und sich um die Kinder kümmert. Und im Grunde will es Mutterschaft ganz einfach wieder alternativlos machen – etwa durch ein generelles Verbot von Abtreibungen und dadurch, dass Abtreibungspillen im ganzen Land eingeschränkt oder verboten wird.

Hier soll, so die Heritage Foundation, Washington mitreden, denn Abtreibungen sind heute lediglich in 19 Bundesstaaten wieder ganz oder teilweise verboten. Das Verbot soll, soweit möglich, auf alle 50 Bundesstaaten ausgedehnt werden. Auch der Zugang zur Empfängnisverhütung würde erschwert. Im Moment bezahlen die Krankenversicherungen noch die Pille und auch Kondome. Damit, so Project 2025, könnte bald Schluss sein.

Klar: Familienförderung ist nicht gänzlich verkehrt angesichts der demografischen Probleme, vor denen die westlichen Staaten mit ihren alternden Bevölkerungen stehen. Entsprechend erwartet man im Papier eine durchdachte Familienpolitik. Immerhin: Mittlerweile wissen wir, dass die am 22. Mai vom Repräsentantenhaus schon mal verabschiedeten Steuerrichtlinien, von Donald Trump «One Big Beautiful Bill Act» («ein richtig grosses, schönes Gesetz») genannt, eine Erhöhung der Steuerabzüge pro Kind von 2000 auf 2500 Dollar ab 2026 bis 2029 vorsehen. Diese Massnahme lässt sich der Staat etwas kosten, auch wenn die einkommensschwächsten Familien davon nicht profitieren. Die «Washington Post» rechnet mit fast 800 Milliarden Dollar weniger Steuereinnahmen.

Streichkonzert bei Sozialprogrammen
Das wird aber kompensiert durch ein auch von Project 2025 gefordertes Streichkonzert bei den Sozialprogrammen des Innenministeriums, etwa bei Medicaid. Heisst: Wenn es nicht klappt mit der heilen Familie, wenn Mutter (und/oder Vater) und Kind in Armut geraten, müssen sie dazu noch die Ärztin oder das Spital wieder selbst bezahlen. Auch Lebensmittelmarken werden schwieriger zu haben sein – das würde viele arme Familien schlicht Hunger bedeuten.

Für ungewollt schwangere Frauen gibt es dann von der Heritage Foundation nur noch gute Worte: «Konservative müssen anerkennen, dass solche Frauen sich oft in extrem schwierigen Situationen … befinden und dass es heroisch ist, wenn sie sich trotzdem für die Mutterschaft entscheiden. Andere Optionen als Abtreibungen, speziell die Adoption, sollten dann Unterstützung vom Bund und den Gliedstaaten finden.» (S. 6) Wichtig: Auch christliche Organisationen, die aus ideologischen Gründen nur Kinder an verheiratete heterosexuelle Paare vermitteln und wegen dieser diskriminierenden Praxis zurzeit nicht als Adoptionsstellen zugelassen sind, sollen wieder Adoptionen nach ihrem Gusto durchführen können.

Und die Väter?
Zurzeit wachsen fünf von sechs allein erzogenen Kindern in den USA bei ihren Müttern auf. Ein grosser Teil des Problems sind also die abwesenden Väter. Zu verantwortungsbewusstem Handeln zwingen kann der Staat diese nicht. Deshalb sollen vor allem einkommensschwache Männer in staatlich subventionierten Kursen lernen, «gesunde Beziehungen» zu führen und dabei auch unterstützt werden. «Solche Programme sollten Väter bestätigen und ihnen beibringen, was es aus biologischer und soziologischer Sichtweise bedeutet, Vater zu sein (und nicht ein genderneutraler Elternteil).» (481) Ziel soll sein, dass Väter ihre Kinder aus eigener Kraft ernähren können. Neue Wohlfahrtsprogramme sollen aus diesen Kurse auf keinen Fall entstehen.

Das Papier stellt immerhin fest, dass viele geschiedene Väter ihre Alimente nicht zahlen (oder nicht zahlen können, weil sie nicht genug verdienen). Um solchen Vätern die die Ausübung ihrer Pflichten zu erleichtern, werden Steuererleichterungen für sie gefordert. Auch sollen sie nach Scheidungen bessere Besuchsrechte bekommen. Die Liste der vorgeschlagenen Massnahmen liest sich hier zum Teil wie eine Erfüllung des Wunschkatalogs von Männerorganisationen. Immerhin: Die Behörden der Gliedstaaten sollen dazu bewegt werden, Apps einzuführen, die eine einfache Kontrolle der Zahlung von Alimenten ermöglichen.

Dennoch: Die Vision von opulenten Abendessen im rosigen Abendlicht wird angesichts solcher Pläne überlagert von Bildern armutsbetroffener Mütter, die nicht wissen, wo sie die nächste Mahlzeit für ihre Kinder hernehmen sollen. Wir sollten das in Europa nicht nachahmen.

Quellen / mehr erfahren:
«Mandate for Leadership – the Conservative Promise: Project 2025 ; the Presidential Transition Project»; Washington, the Heritage Foundation, 2023

Eine Liste der verbotenen Wörter, siehe hier.

Mehr über «Project 2025» und das Recht auf Abtreibung hier.

Die Auswirkungen von Project 2025 auf ärmere Familien siehe hier.

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