Lucrezia ist künstlerisch sehr begabt. Aber das rettet sie nicht davor, mit nur 13 Jahren an ihren künftigen Ehemann verschachert zu werden, einen italienischen Hochadligen. Als sie nicht schwanger wird, droht sogar noch Schlimmeres.
Wir schreiben das Jahr 1561. Lucrezia, noch nicht ganz 16, weilt mit ihrem Ehemann Alfonso (27) in einem feuchtkalten Jagdschloss, einen Tagesritt entfernt vom gemeinsamen Wohnsitz in Ferrara. Ausflugsstimmung stellt sich aber gar nicht erst ein. Schon beim ersten Abendessen erkennt die junge Ehefrau glasklar: Ihr Gatte hat sie hergebracht, um sie zu ermorden. So beginnt der Roman «Porträt einer Ehe» der Engländerin Maggie O’Farrell.
Der Ehemann ist Herzog Alfonso II. von Mòdena und Ferrara. Die Protagonistin: Lucrezia, die dritte Tochter von Cosimo I. de’ Medici. Sie wurde an ihn verschachert, als sie 13 war; er hat jedoch nur ein Jahr mit ihr zusammengelebt. Jetzt ist er enttäuscht, dass seine junge Frau noch nicht schwanger ist. Dass sie einfach den Erben nicht produziert, den er dringend braucht, um seinen Platz auf dem Thron von Ferrara zu sichern. Obwohl er sich Nacht für Nacht über sie hermacht.
Opulente Fürstenhöfe, erstickende Damengewänder
Der Roman erzählt die Geschichte aus der Sicht der gegen ihren Willen verheirateten Lucrezia. Er beschreibt Italien in der Hochrenaissance, die Opulenz der Fürstenhöfe, die erstickende Schwere der Damengewänder, die Willkür der Männer und die enge Beziehung Lucrezias zu ihren Dienerinnen, von denen eine ein grosses Opfer für sie bringen wird.
Dass Lucrezia existiert hat, ist historisch belegt. Doch was für ein Mensch sie war, ist nicht bekannt. O’Farrell macht aus ihr eine Figur, die schon als Kind einen weitaus wacheren Verstand hat als ihre Geschwister – und dazu künstlerisches Talent, das ihre Eltern auch früh fördern. Es erscheint wie eine Verschwendung, dass eine derart begabte junge Frau schon mit 13 Jahren für die dynastischen Ziele ihrer Familie benutzt wird. Doch in den Augen der Familie geht es nicht anders: Lucrezia muss für ihre ältere Schwester Maria einspringen, die bereits mit Alfonso verlobt war, dann aber krank wurde und starb.
Der Roman zeigt, wie der Mann seine jugendliche Braut nie wirklich ernst nimmt, sie vergewaltigt, isoliert und zunehmend despotischer behandelt.
Allzu freier Umgang mit historischen Tatsachen?
Lucrezia starb tatsächlich 1561. Es gilt jedoch als gesichert, dass nicht ihr Mann sie sie ermordete, sondern dass sie einer Tuberkulose-Erkrankung zum Opfer fiel. Autorin O’Farrell listet dies und einige andere Freiheiten minuziös auf, die sie sich mit ihrem Plot genommen hat. Wer gerne Romane liest, die historisch stimmen, wird von «Porträt einer Ehe» enttäuscht sein. Aber man kann den unterstellten Mord auch als eine Metapher dafür lesen, wie eine Kinderehe eine junge Frau in ihrer Entwicklung hemmt und ihrem Ehemann ausliefert. Dann handelt es sich beim Roman um ein engagiertes Plädoyer gegen die Zwangsehe – nicht nur bei adligen Paaren im 16. Jahrhundert. Und als das berührende Porträt einer ungewöhnlichen, jungen Frau.
Maggie O’Farrell: «Porträt einer Ehe», Roman, Piper, 2022.



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