Jung, rebellisch, verletzlich – Frau auf dem Cover des Romans von Barbara Schibli (Bild von Daniela Kneer-Heinz)

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Schwerhörige Feministin und Punkerin

«Flimmern im Ohr» von Barbara Schibli ist ein thematisch vielversprechender Roman mit erheblichen Schwächen. Es geht darin um die fünfzigjährige Priska, die als junge Frau vom Schweizer Staat observiert wurde. Damals passierte auch der «Unfall», der sie ertauben liess.

Sommer 2010. Priska will Musik hören, die Musik ihrer jungen Jahre, den Schweizer Punk um 1980. Aber was sie sie hört, reicht ihr nicht. «Want more», Ein Titel der Band Mother’s Ruin, wird zum Refrain ihres Kampfes um den Sound. Priska ist hochgradig schwerhörig. Seit sie ein Cochlea-Implantat hat, eine elektronische Hörprothese, kämpft sie um die Musik, übt das Hören, macht Musiktherapie. Sie will das Lebensgefühl jener Zeit zurück – und da ist etwas, was verarbeitet werden will: ihre Liebesbeziehung zur mysteriösen Tessinerin Gina – und die Bespitzelung auch von Feministinnen durch die Sicherheitsbehörden in den 1970er-Jahren. Die polizeiliche Überwachung Tausender wurde 1989 im Fichenskandal aufgedeckt. Auch Priska wurde fichiert. Als sie 2010 erfährt, dass der Bund wieder eine Datenbank mit 200 000 Einträgen über verdächtige Personen angelegt hat, kommen die Wut und die Erinnerungen.

Punk als Aufstand gegen starre Konventionen
Die Autorin, Barbara Schibli, hat Jahrgang 1975, sie hat also die Jahre des Punk nur als Kind erlebt. Dennoch hat sie mit Priska eine Protagonistin geschaffen, die Frauen aus der Boomer-Generation anspricht. Streckenweise gelingt es ihr, die Erinnerung an den Lebenshunger von damals zu wecken, an den provokativen Humor jener Zeit, an die Unzufriedenheit über beengende Konventionen und sture Politiker. Und an den Sound, der durch aufgedrehte Mikrofone dröhnte, jaulte und stöhnte. Schibli erinnert an das, was heute unverständlich scheint und damals Tatsache war: Abtreibungsbefürworterinnen und Lesben, wurden von der Polizei so akribisch wie dilettantisch observiert. Priska wurde überwacht, weil ihre Geliebte Gina sich möglicherweise im Dunstkreis der terroristischen Frauengruppe Rote Zora bewegte. Aber Genaueres weiss Priska nicht, und Gina ist seit 30 Jahren verschwunden.

An der Lebenswirklichkeit von Menschen mit Hörproblemen vorbeigeschrieben
Es ist ein Stoff mit Potenzial. Dennoch überzeugt das Buch als literarisches Werk nicht. Die Sprache ist mitunter holprig. Und die Autorin schreibt komplett an der Lebenswirklichkeit einer hochgradig schwerhörigen Person vorbei. Die Hörbeeinträchtigung ist bei Schibli eher Metapher für die Orientierungslosigkeit der Protagonistin als existenzielles Problem. Sie lässt Priska beispielsweise schildern, wie sie mühelos eine Stelle gefunden hat und, zusammen mit ihrem Lebenspartner Bengt, im gelangweilten Zürcher Mittelstand angekommen ist. Ihre Aufgabe ist es, «grössere Grafik-Projekte zu planen und zu koordinieren» (S. 85), das alles, wie sie immerhin anmerkt, mit möglichst wenigen Telefongesprächen. Die Frage, wie sie eine «Grafik-Bude» gefunden hat, die ihr eine solche Arbeit ohne die Selbstverständlichkeit ständiger telefonischer Verfügbarkeit und mündlicher Kommunikationsfähigkeit mit der Kundschaft zutraut, wirft Schibli gar nicht erst auf. Als wäre es für die Mehrheit der Menschen mit Hörbeeinträchtigung, gerade für Spätertaubte, nicht das Schwierigste überhaupt, eine geeignete Arbeitsstelle zu finden.

Wer wirklich etwas über das Leben mit einer Hörbehinderung wissen will, liest besser andere Romane (siehe Tipps unten). Es stellt sich sogar die Frage: Inwieweit darf die Darstellung von Behinderung literarischer Zweck sein? Ist es Betroffenen gegenüber angebracht, Blindheit, Schwerhörigkeit, eine Gehbehinderung primär als Metapher für einen Mangel im Leben einer Protagonistin zu verwenden?

Und dann wäre da das bis fast zum Schluss gehütete Geheimnis, wie Priska überhaupt ihr Gehör verloren hat. Wir erfahren es am Ende des Romans, quasi als Auflösung – aber ohne auch nur eine einzige Frage über etwaige Schuldige oder darüber, wie Priska mit dem Verlust ihres Gehörs zurechtzukommen lernte. Schade, denn eine Auseinandersetzung damit hätte möglicherweise auch der Behandlung ihres politischen Stoffes mehr Tiefe verliehen.

Barbara Schibli: «Flimmern im Ohr», Dörlemann Verlag, 2024

Weitere Romane mit hörbehinderten Protagonistinnen:

Adèle Rosenfeld: Quallen haben keine Ohren, Suhrkamp 2023 (aktuell)
Dacia Mariani: Die stumme Herzogin – journal-f (historisch)

 

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