Sie nahmen sich einfach mal einen Tag frei… Szene aus «Ein Tag ohne Frauen» (Bild: PD)

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Filmtipp: «Ein Tag ohne Frauen»

Heute vor 50 Jahren brachten Islands Frauen mit einem «Freien Tag» das öffentliche Leben zum Stillstand – ein beispielloser Akt des zivilen Ungehorsams. Der Dok-Film «Ein Tag ohne Frauen» lässt die Stimmung der 1970-er Jahre lebendig werden und erweist den damaligen Aktivistinnen die Reverenz. Informativ, berührend und überraschend witzig.

«Stell dir vor, es ist Arbeit und keine geht hin.» Islands Frauen stellten sich das nicht nur vor. Einen Tag lang weigerten sie sich tatsächlich, im Büro zu arbeiten, zu kochen oder sich um die Kinder zu kümmern. Fast die gesamte weibliche Bevölkerung legte die Arbeit nieder und ging stattdessen auf die Strasse. Vor allem in der Hauptstadt, aber auch an vielen Orten auf dem Land. Mit dem Streik wollten sie beweisen, wie wichtig die weibliche Hälfte der Gesellschaft für das Wohl aller ist.

Im Dok-Film «Ein Tag ohne Frauen» erzählen die Aktivistinnen von damals die Geschichte dieses bedeutsamen Tages. «Wir liebten unsere chauvinistischen Schweine», sagt eine von ihnen. «Wir wollten sie nur ein wenig verändern!» Das war dringend nötig, denn Gleichberechtigung war ein Fremdwort in Island – wie damals überall auf der Welt. Eine andere Aktivistin erinnert sich an ihre Kindheit: «Ich wollte immer die Welt sehen. Wenn mich jemand fragte, was ich mal werden wollte, antwortete ich: Kapitänin auf einem Schiff. – ‹Aber nein›, sagten sie, ‹das kannst du nicht. Du bist doch ein Mädchen.›»

Präsidentin statt Kapitänin
Die Frau hiess Vigdís Finnbogadóttir. Sie wurde zwar nicht Kapitänin, aber fünf Jahre später Islands Präsidentin – als erste demokratisch gewählte Frau der Welt. Die Anfeindungen, denen sie  im Wahlkampf ausgesetzt war, waren heftig. Gegner und Kritiker versuchten, sie als geschiedene Frau und alleinerziehende Mutter einer Adoptivtochter zu diskreditieren. In einer Fernsehrunde fragte ein Gegenkandidat die 50-Jährige, der wegen ihrer Krebserkrankung eine Brust abgenommen worden war, ob sie glaube, dass das Volk «von einer Frau mit nur einer Titte» regiert werden wolle. Ihre Antwort, so klug wie selbstbewusst: «Ich hatte nicht vor, das isländische Volk an meine Brust zu legen.»

Auch die Animationen machen den Film sehenswert.

 

Finnbogadóttir, heute 95 Jahre alt, gewann die Wahl mit knappem Vorsprung. 16 Jahre lang übte sie ihr Amt aus. Ihr und all den mutigen Frauen erweist der Film die Reverenz. Er erzählt von der kollektiven Kraft von Frauen, die Gesellschaft zu verändern – wenn sie denn zusammenstehen.

Voraus, aber noch nicht am Ziel
Heute gilt Island als Musterland in Sachen Gleichstellung. Zurzeit sind die beiden höchsten Staatsämter von einer Frau besetzt, auch im Parlament bildeten die Frauen eine Zeitlang die Mehrheit, und Reykjavík wird von einer Bürgermeisterin regiert. Laut World Economic Forum hat Island seit 2009 den kleinsten Gender-Pay-Gap der Welt. 87 Prozent der erwerbsfähigen Frauen sind berufstätig – und das bei einer der höchsten Geburtenraten Europas. Jeder Elternteil hat Anspruch auf ein halbes Jahr Erziehungsurlaub, den die meisten Männer auch nehmen, da er – eine clevere Regel – nicht auf die Mutter übertragen werden kann.

Ein Gleichstellungsparadies ist Island trotzdem nicht. Wie in anderen Ländern ist Gewalt an Frauen sowie ein lückenhafter Opferschutz, insbesondere für Minderheiten, ein grosses ungelöstes Problem. Auch der zwischendurch hohe Anteil von Frauen im Parlament ist derzeit wieder rückläufig.

 

Mehr erfahren

Der Film «Ein Tag ohne Frauen» läuft derzeit in verschiedenen Schweizer Städten im Kino.

Für einen differenzierenden Blick auf den denkwürdigen Tag und seine Folgen empfehlen wir den Beitrag der Historikerin Íris Ellenberger im Magazin Jacobin

 

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