Da und dort wird wieder die Klage laut, die Leselisten der deutschsprachigen Gymnasien seien zu stark von weissen Männern dominiert. Der Germanistin Teresa Reichl sind besonders die Werke von Thomas Mann ein Dorn im Auge. «Buddenbrooks» lesen Feministinnen aber auch heute noch mit Vergnügen und Gewinn.
Teresa Reichl will, dass an deutschsprachigen Gymnasien und Hochschulen weniger Bücher von weissen Männern gelesen werden. Reichl hat Jahrgang 1996, ist Comedian, YouTuberin, Germanistin und bekennend lesbisch. Mit «Muss ich das gelesen haben? Was in unseren Bücherregalen und auf Literaturlisten steht – und wie wir das jetzt ändern» hat sie ein unterhaltsames Buch über Goethe, Schiller und, ja, Thomas Mann geschrieben. Reichls Werk wäre noch unterhaltsamer, wenn sie sich nicht fortwährend dafür entschuldigen würde, dass sie gerne liest. Offenbar muss frau das heutzutage – was nur zeigt, dass heute auch nicht alles besser ist.
(Wieder-)Lesen als Chance
Ganz Feministin der dritten Welle, fordert Reichl, der literarische Kanon müsse diverser werden: nicht nur offener für das ganze Genderspektrum, sondern offener für Schreibende verschiedenster Hautfarbe, sozialer Herkunft und Religion und auch für solche mit Behinderung. Reichl hat recherchiert und listet über 100 Titel auf, die in Frage kommen könnten.
Nun ist der Platz auf Leselisten begrenzt, deshalb müssen einige weisse Männer weichen. Reichl will niemanden canceln. Aber sie findet, dass es ohne Thomas Mann geht. Ihn hasst sie «irrational doll», wie sie selbst gesteht. Sie findet «alles von Thomas Mann so unfassbar langweilig». Er habe nur über sich selbst geschrieben (wie bitte?!) – und dann immer diese unerträgliche Ironie! Reichls Abneigung mag daher rühren, dass sie am Gymnasium mit «Tod in Venedig» gequält wurde. In dieser Novelle verfolgt ein alternder Professor einen 14-jährigen Jungen mit begehrlichen Blicken und wird am Ende von der Cholera dahingerafft. Andere Mann-Novellen, die auch an Gymnasien gelesen werden, sind sterbenslangweilig, seine Romane zu lang für die Schule. An Literatur interessierte Feministinnen dürfen, ja sollten, ein Werk von ihm dennoch lesen: «Buddenbrooks», den 1901 erschienenen Bestseller über den Verfall einer Familie. Das Buch hat eine Protagonistin, über die sich leidenschaftlich diskutieren lässt. Ist sie Opfer der Verhältnisse? Oder hätte sie eine Chance gehabt, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen, wenn sie weniger unbedarft gewesen wäre? Und wenn ja: Wie und wann? Der Roman gibt uns die Chance, so über die Verhältnisse früherer Jahrhunderte nachzudenken, wie Reichl sich das wünscht: «Es hilft niemandem was, in Klassikern Rassismus oder Frauenfeindlichkeit kleinzureden mit ‹Mein Gott, damals war das halt so›, denn das wäre genau die Chance zu verstehen, wieso es eben damals so war – und wieso sich seitdem eventuell gar nicht so viel geändert hat.»
Schreiben als Geste der Selbstaufgabe
Deshalb ein paar Worte zu Antonie, kurz Tony, Buddenbrook: Sie ist die behütete Tochter des Getreidehändlers Jean Buddenbrook in Lübeck. Als junges Mädchen geniesst sie die oberflächliche Ausbildung einer höheren Tochter, ist hübsch, gutmütig und intellektuell nicht besonders neugierig (weniger freundlich gesinnte Kritiker nennen sie «einfältig»). Aber sie weiss, was ihre Familie von ihr erwartet. Eines Tages, gerade mal 18, nimmt sie eine Feder in die Hand und schreibt in die Familienchronik. Es könnte ein Akt der Selbstermächtigung sein, ist hier aber eine Geste tapferer Selbstaufgabe. Sie habe sich «am 22. September 1845 mit Herrn Bendix Grünlich, Kaufmann zu Hamburg» verlobt, schreibt sie. Morten Schwarzkopf, in den sie eben noch verliebt war, wird sie vergessen. Der Medizinstudent, ein Demokrat, ist nicht standesgemäss. Sie wird Grünlich heiraten, einen Mann der ihr abgrundtief unsympathisch ist. Ihr Vater will es so. Er hofft auf gute Geschäfte mit dem Schwiegersohn in spe.
Der Roman spielt im 19. Jahrhundert. Frauen hatten kein Stimm- und Wahlrecht und wurden in finanziellen Fragen meist von ihren Gatten oder Vätern bevormundet. Grossbürgerliche Frauen waren in der Regel auch nicht erwerbstätig. Tonys Vater betrachtet hier seine Tochter als heiratsfähigen Vermögenswert seines Geschäfts. Liebesheirat? Unnötig. Hatte er auch nicht. Zu dumm, dass Schwiegersohn Grünlich schon nach wenigen Jahren bankrottgeht.
Seltsam unzerstörbar
Wie sehr leidet Tony an all dem? Wir können es nicht wissen, denn der Erzähler des Romans interessiert sich viel weniger für Tonys Innenleben als für jenes ihres älteren Bruders Thomas. Sie wirkt trotz sich häufender Familienkalamitäten seltsam unzerstörbar. Auch wenn sie wahrscheinlich der präsenteste weibliche Charakter im Werk von Thomas Mann ist – er nimmt sie eben doch nicht ernst. Es heisst süffisant, dass Tony nach der Scheidung von Grünlich immer wieder und «gerne von der Sache sprach und sich dabei wahrhaft in ihrem Elemente fühlte», (auch wenn ihre Familie das Thema am liebsten unter den Teppich gekehrt hätte). Und später wird sie immer wieder Dinge sagen wie: «Gewiss! Ich habe das Leben kennengelernt.» Das trifft zwar zu, aber es trägt dazu bei, dass Tony mehr und mehr zur Karikatur wird – und man beinahe übersieht, dass sie zum Untergang der Familie einen entscheidenden Beitrag leistet.
Im Grunde hat Reichl ja recht: Eine Autorin hätte Antonie wahrscheinlich anders dargestellt. Dennoch bleibt sie ein Mahnmal. Dafür, dass wir nicht passiv sein dürfen, auch wenn wir uns behütet fühlen. Dafür, dass wir selbst zu den Autorinnen unserer Geschichten werden sollten. Und dafür, dass die Chancen, die wir im 21. Jahrhundert haben, keine Selbstverständlichkeit sind.
Mehr erfahren:

Teresa Reichl: «Muss ich das gelesen haben? Was in unseren Bücherregalen und auf Literaturlisten steht – und wie wir das jetzt ändern», Hamon Verlag Innsbruck-Wien, 2023, unterstütz vom Bayrischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst, 230 Seiten
Thomas Mann: «Buddenbrooks – Verfall einer Familie», S. Fischer Verlag Berlin, 1989, 848 Seiten
Gabriele Tergit: «Effingers», btb Verlag München, 2020, 980 Seiten


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