Wer mit dem Zug aus dem Zürcher Hauptbahnhof hinausfährt, sieht rechts seit Mai 2025 ein Gerüst mit einer Botschaft in grossen Lettern: das Billboard, eine «feministisch-künstlerische Infrastruktur für Veränderung». Bis Mai 2026 steht dort monatlich ein neuer Text. Journal-f.ch hat Barbara Wiskemann und Henriette Lutz getroffen, zwei Beteiligte der Aktion.
«Mental Load», der aktuelle Billboard-Text, bezeichnet die psychische Belastung, die entsteht, wenn Menschen einen Grossteil der Koordination von Familien- und Berufsarbeit leisten. Frauen übernehmen hier noch immer mehr Verantwortung als Männer. Hat der Begriff eine besondere Bedeutung für euch?
Barbara Wiskemann: Nein, nicht spezifisch für mich. «Mental Load» ist für viele Frauen ein so wichtiger Begriff, dass er bei den über 800 eingereichten Texten für das Billboard immer wieder vorkam.
Henriette Lutz: «Mental Load» ist insbesondere auch eine Frage der finanziellen Möglichkeiten. Je mehr ein Mensch arbeiten muss, um den Lebensunterhalt der Familie zu bestreiten, desto anstrengender wird es, alles im Griff zu haben. Gutverdienende Familien können einen Teil der unbezahlten Arbeit outsourcen. Sie haben zum Beispiel eine Putz-Unterstützung. Bei Kulturschaffenden etwa ist es oft anders. Sie verdienen nicht selten wenig Geld. Und viele von ihnen möchten nebst dem Broterwerb und der Familienarbeit freie Projekte realisieren – so besteht schnell die Gefahr, dass die Last zu gross wird.

Das Billboard beim Zürcher Hauptbahnhof regt zum Nachdenken über Geschlechterrollen und Machtstrukturen an. (Foto: Créatrices.ch)
Ihr seid beide Architektinnen. Die Arbeit auf der Baustelle, dazu dozieren an Schulen, die Arbeit im Vorstand der creatrices.ch, eine Familie … Das alles unter einen Hut zu bringen, stelle ich mir durchaus anstrengend vor.
Barbara: Natürlich, während der Phasen, in denen auf einer Baustelle intensiv gearbeitet wird, muss man präsent sein. Das heisst: Man kann zwar unter 100 Prozent arbeiten, aber man kann nicht beliebig reduzieren. Wenn man sich gut organisieren kann und den Haushalt nicht alleine macht, geht das schon. Besonders anspruchsvoll ist die Zeit, in der die Kinder klein sind und viel Präsenz brauchen – oder wenn eine nahe stehende Person ausserhalb der Kleinfamilie Hilfe braucht.
Heute studieren mehr Frauen als Männer Architektur
Dauerte es auch wegen dieser Doppelbelastung so lange, bis Frauen sich überhaupt als Architektinnen etablieren konnten?
Barbara: Es gab früher tatsächlich hohe Schwellen für Architektinnen. Frauen können in der Schweiz erst seit Anfang des 20. Jahrhunderts Architektur studieren. Bis zum Inkrafttreten des Eherechts von 1988 konnten sie ohne Unterschrift eines Mannes auch keine Baueingabe unterzeichnen. Es hat sich aber vieles geändert. Mittlerweile studieren mehr Frauen als Männer Architektur. Aber danach passiert etwas Bemerkenswertes: Noch immer sind deutlich weniger Frauen als Männer als Inhaberinnen eines Architekturbüros tätig. Das hat wahrscheinlich schon mit der Kombination von Erwerbs- und Care-Arbeit zu tun. Viele junge Frauen nehmen bei der Stellenwahl wohl vorweg, dass sie keine Position wollen, bei der sie nicht herunterfahren können, wenn die Kinder kommen. Oder sie sehen sich lieber nicht im Lead. Es hat sich in den letzten hundert Jahren vieles verändert. Aber verschwunden sind die hergebrachten Muster nicht.
Henriette: Viele Frauen wenden sich ja auch ab etwa Mitte dreissig von der klassischen Arbeit im Architekturbüro ab. Du kannst in unserer Gesellschaft sehr viel erreichen, solange du, dein Kind und deine Partnerschaft «perfekt» funktionieren. Aber es ist anstrengend. Und sobald etwas nicht rund läuft, wird die Vereinbarkeit zwischen einem erfüllendem, aber auch sehr zeitintensiven Beruf, wie dem der Architektin praktisch unmöglich. Hinzu kommen in der Branche ja auch noch viele Netzwerkveranstaltungen, die häufig an den Abenden stattfinden. Die Summe der Dinge ist extrem belastend für das Familienleben. Und das ist in der Schweiz brutaler als in anderen Ländern. In Dänemark etwa gibt es am Nachmittag zeitgleich mit dem Ende der Betreuungszeit keine Sitzungen mehr. – und zwar für alle. Man hat sich darauf eingestellt, dass viele Väter oder Mütter die Kinder von der Kita abholen müssen.
Ist es zusätzlich schwieriger, sich in der Männerdomäne Baustelle durchzusetzen?
Machtgefälle und Powerplay
Barbara: Nein, das ist weniger problematisch. Allerdings haben wir es hier ja auch mit einem Machtgefälle zu tun: Die Bauleute setzen um, was wir Architektinnen und Architekten geplant haben. Wenn man kompetent und offen auftritt, kann das auch sehr gut laufen. Anders ist es bei den ganz grossen Playern im Immobiliensektor wie General- und Totalunternehmerfirmen, dort ist das Management viel stärker von männlichen Mustern geprägt und es wird sehr hart verhandelt, Das ist ein ständiges Powerplay.
Gibt es Visionen, wie sich Mental Load für alle Frauen reduzieren liesse?
Barbara: Es ist schon einiges erreicht, wenn möglichst viele Menschen erkennen, wie Erwerbsarbeit und Care-Arbeit zusammenhängen. Man könnte das beispielsweise in der Schule lernen. So dass diejenigen, die auf Karriere setzen, ebenfalls verstehen, dass auch für sie jemand Care-Arbeit leistet oder geleistet hat, und dass das eben auch Arbeit ist. Aber man muss auch mal das Positive erwähnen: Ich fand es immer megatoll, dass ich Kinder und gleichzeitig ein eigenes Büro haben kann, das war für unsere Vorgängerinnen im Beruf noch viel schwieriger.
Auch Architektur kann entlasten
Henriette: Es gibt auch architektonische Wohnprojekte, bei denen gezielt erwerbstätige Frauen mit Kindern entlastet werden, in dem sie weniger Hausarbeit leisten müssen. Es gab zum Beispiel in den 1920er-Jahren unter anderem in Wien das sogenannte Einküchenhaus, in dem für die berufstätigen Bewohnerinnen und ihre Familien die Mahlzeiten von bezahlten Köchinnen in einer grossen Zentralküche mit gemeinsamen Speisesaal zubereitet wurden.
Einküchenhäuser wurden aber nie so richtig mehrheitsfähig.
Henriette: Ja, das stimmt. Aber zumindest gibt es weiterhin vereinzelte solche Projekte. Wie die Wohnbaugenossenschaft Karthago in Zürich seit den 1990er Jahren. Auch sie funktioniert mit einer Grossküche, in der Profis kochen und dafür bezahlt werden. Wer dort wohnt, und das gilt auch für Familien, hat in der Wohnung keine voll ausgestattete eigene Küche, sondern nur eine minimale Teeküche. Stellen wir uns mal vor, wie viel unbezahlte Arbeit so entfällt: Nicht mehr einkaufen, keinen Mental Load über das richtige Rezept und weder kochen noch abwaschen. Ich habe den Eindruck, dass es vor lauter Zeitknappheit sogar an der Zeit fehlt, die nötig wäre, sich wieder vertieft Gedanken, um solche oder andere Wohnutopien zu machen.
Weniger Privatsphäre, mehr Gemeinschaft
Aber so zu wohnen geht auf Kosten der Privatsphäre.
Henriette: Natürlich braucht es auch für eine gemeinschaftlichere Wohnform eine gewisse Offenheit und Zeit. Zeit um sich mit anderen Menschen, der Organisation des Wohnens auseinanderzusetzen und um gemeinsame Regeln immer wieder neu zu verhandeln.
Barbara: Genau, du kannst nicht nach Hause kommen, deine Tasche in die Ecke schmeissen und sagen: «Jetzt ist mir alles egal.» Du triffst die anderen, du musst eine Form des Zusammenlebens finden. Du hast Ämtli und verbringst mehr Zeit mit «Socializen». Dadurch gewinnst du andere Ressourcen, zum Beispiel ein unterstützendes Netzwerk, aber zeitlich ist es ein zusätzlicher Aufwand. Das planst du nicht ein, aber es ist ein Fakt.
Henriette: Aber du gewinnst auch etwas dazu. Im besten Fall entsteht in einer gemeinschaftlichen Wohnform mehr als nur eine gute Nachbarschaft, sondern eine solidarische Gemeinschaft. In der Bedürfnisse ausgesprochen und verhandelt werden, ein Zusammenhalt entsteht und man sich gegenseitig im Alltag unterstützt.
Die Interviewpartnerinnen:
Barbara Wiskemann (*1971) absolvierte Studium der Architektur an der ETH Zürich. Nach einem Aufenthalt in Berlin war sie von 2001 an selbstständig in Architektur und Publikation. Seit 2006 ist sie Partnerin im neon bureau, seit 2012 auch im Büro neon | deiss. Seit 2002 war sie immer wieder in der Lehre tätig, aktuell an der Hochschule Luzern. Barbara Wiskermann lebt mit ihrer Familie in Zürich. Sie ist im Vorstand der créatrices.ch.
Henriette Lutz (*1988) studierte Architektur an der TU München. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Berner Fachhochschule war sie Mitglied der Leitung des Instituts für Siedlung, Architektur und Konstruktion. Sie ist in Forschung und Lehre aktuell an der TU München, sowie als selbstständige Architektin und Autorin in Zürich tätig. Sie ist im Vorstand von créatrices.ch.
Mehr erfahren:
creatrices.ch
creatrices.ch/projects/billboard/
Einküchenhaus – Wikipedia
karthago.ch


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