Marlen Haushofer blickte in in die Seelen scheinbar angepasster Frauen der Nachkriegszeit (Quelle: fembio.org)

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Klassiker neu gelesen: Das Drama der begabten Hausfrau

«Die Mansarde» von Marlen Haushofer ist ein Roman über die Selbstentfremdung einer Frau in den frühen 1960er-Jahren. Er bleibt ein rätselhaftes Buch – und gerade darum lesenswert.

Als Leserinnen des 21. Jahrhunderts neigen wir dazu, «Die Mansarde» von Marlen Haushofer wie einen Krimi zu lesen. Aber damit begeben wir uns auf den Holzweg, auch wenn ein bedrohlicher Vorgang im Zentrum des Geschehens steht:  Die Ich-Erzählerin, eine namenlose, 47-jährige Hausfrau, bekommt anonyme Briefe mit ihren eigenen Tagebuch-Aufzeichnungen aus einer früheren Lebensphase zugeschickt. Damals war sie – als junge Ehefrau und Mutter und wenige Jahre nach dem Krieg – auf rätselhafte Weise vorübergehend ertaubt. Man hatte sie «zur Erholung» aufs Land geschickt. Diese Ausgangslage schafft Spannung. Wir wollen wissen: Wer schickt ihr diese Briefe? Warum? Was hat es auf sich mit dieser Ertaubung? Doch eine plausible Auflösung passt nicht zu dieser Erzählerin, die ihren gesamten Alltag so organisiert hat, dass sie sich möglichst selten an die Vergangenheit erinnern muss. Zwar bringt der Schluss vage Erklärungen. Aber es bleibt der Eindruck, dass sie uns etwas verheimlicht.

Auch das Werk der Autorin Marlen Haushofer (1920 bis 1970) entzieht sich einer Einordung. Lange Zeit als Verfasserin von «Frauenliteratur» abgetan und übersehen, zeichnet die Autorin mit unbarmherzigem Blick die Erfahrungen von Frauen in Nachkriegs-Österreich. Erst in den achtziger Jahren wurde die Bedeutung ihres Werkes vom Feminismus entdeckt.

Mansarde als Ort der Selbstentfaltung

Immerhin: «Die Mansarde» liefert den Schlüssel zur Seele der Erzählerin gleich im Titel. Das winzige Zimmer im obersten Stock ihres Hauses ist der Ort ihrer Selbstentfaltung. Es fällt zunächst gar nicht auf. Denn sie selbst wertet das, was sie dort oben tut, als bedeutungslos ab. Aber: Die Mansarde ist der Ort, wo sie zeichnet und malt und «einfach hin- und hergehen» kann (S. 20), ohne ihren Mann Hubert zu stören. Sie hat eine Ausbildung als Grafikerin, übt ihren Beruf aber nicht zum Broterwerb aus, denn das will er nicht. Überhaupt sei ihr Talent «sehr begrenzt», sie zeichne vor allem Vögel, Insekten und Reptilien. Ihr einziges Ziel sei es, «einen Vogel zu zeichnen, der nicht der einzige Vogel auf der Welt ist.» (S. 21)

Sie selbst lebt – wie diese Vögel – in grosser Einsamkeit. Die Beziehung zu ihrem Mann ist nicht gänzlich lieblos, aber dennoch distanziert. Ihre gross gewordenen Kinder sind ihr fremd. Als Hausfrau ist sie fleissig, aber freudlos. Sie besucht aus Pflichtgefühl ältere Leute, geht zur Friseuse und bekommt Besuch von «der lieben Frau». Die beiden letzteren finden sich scheinbar besser mit den herrschenden Rollenbildern zurecht als unsere Protagonistin. So begegnet sie ihnen mit einer Mischung aus Bewunderung und Widerwillen. Es lohnt sich, das Buch aufmerksam zu lesen, die boshaften Bemerkungen der Erzählerin über ihre Bekannten sind manchmal erst auf den zweiten Blick schwarzhumorig oder gar verstörend boshaft.

Feministische Kritik am Konformitätsdruck

Warum unternimmt sie so rein gar nichts, um ihr Los zu verbessern? Braucht sie Sicherheit nach dem frühen Tod ihrer Eltern? Schutz vor den Erinnerungen an den Krieg, den sie in Wien erlebte? Und was gesteht ihr jener Fremde, der auf sie einredet, als sie taub ist? Er scheint eine schreckliche Schuld zu tragen. Eine, die er nur einer gehörlosen Person gestehen will.

Eine Lesart des Buches drängt sich heute noch auf: Es lässt sich als Kritik am herrschenden Konformitätsdruck in der Nachkriegsgeneration verstehen. Vielleicht gab es für Frauen wie die Protagonistin keine Hoffnung auf ein besseres Los. Geschiedene Frauen waren Aussenseiterinnen, geschmäht, bemitleidet und materiell massiv benachteiligt. Der Erzählerin fehlt ohnehin das Selbstbewusstsein für einen derart gewagten Ausbruch. Dann lieber die Wohlanständigkeit und Leere einer bürgerlichen Ehe.

«Die Mansarde» ist Haushofers letztes Buch. Die Publikation fällt ins Jahr 1969, ein Jahr nach Beginn der 68er-Bewegung und zu Beginn der zweiten Frauenbewegung. Diese kritisierte starre Rollenbilder und forderte mehr berufliche und sexuelle Selbstbestimmung für Frauen. Für unsere Erzählerin – wie vielleicht für Tausende ihrer Generation – kommt all das zu spät. Aber es bleibt wenigstens die Ahnung, dass sie in der Mansarde so etwas wie innere Freiheit findet.

Marlen Haushofer: «Die Mansarde», Claassen Verlag, Berlin 1969

Mehr erfahren: 

marlenhaushofer.ch
fembio.org/biographie.php/frau/biographie/marlen-haushofer/

 

Ein Kommentar zu «Klassiker neu gelesen: Das Drama der begabten Hausfrau»

  1. […] von Marlen Haushofer gelesen, einen österreichischen Klassiker aus dem Jahre 1969. Ich habe hier die Bedeutung des Buches für den Feminismus gewürdigt. Doch die zwei Jahre dauernde […]

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