Kaum eine Politikerin hat öffentlich so viel Häme einstecken müssen wie Ricarda Lang. Im Zeit-Magazin sprach die ehemalige Grünen-Vorsitzende kürzlich über Bodyshaming, den Druck, als dicke prominente Frau ein Vorbild zu sein und das Recht, über den eigenen Körper selbst zu bestimmen. Auch gegen vermeintlich feministische Regeln.
Natürlich beschäftigen sie Schönheitsideale und Kommentare zu ihrem Äusseren. Ricarda Lang ist in dieser Hinsicht eine junge Frau wie andere auch. Bloss sehr viel exponierter als die meisten in ihrem Alter. Fast drei Jahre lang stand die heute 31-Jährige als Bundesvorsitzende der Grünen Partei Deutschlands permanent unter Beobachtung der Medien – und verbal unter Dauerbeschuss. Weil sie mit ihren politischen Ansichten aneckte, klar. Vordergründig aber ging es bei den Angriffen praktisch immer um ihren Körper.
Auch Frauen können Täter-Opfer-Umkehr
Ricarda Lang ist «mehrgewichtig», wie es die Body-Positivity-Bewegung verschleiernd nennt. Sie selber sagt «dick». Als sie in die die Politik gegangen sei, habe sie offen über die Angriffe wegen ihrem Gewicht gesprochen, «weil ich das Gefühl hatte, dass das viele Frauen betrifft, aber niemand darüber redet». Sie tat es – und bot damit prompt zusätzliche Angriffsfläche. Eine Parteifreundin gab anonym zu Protokoll: «Ricarda zwingt uns immer wieder Debatten über Bodyshaming und Feminismus auf. Wir kommen gar nicht mehr dazu, über unsere Inhalte zu reden.» Als extrem verletzend habe sie das empfunden, erinnert sich Lang im Interview. «Klar, dass es an den Parteivorsitzenden Kritik gibt, nachdem man gefühlt zehn Landtagswahlen und eine Europawahl verloren hat. Aber dass dieses Thema und damit auch wieder mein Körper als Waffe eingesetzt wurde in einer innerparteilichen Auseinandersetzung, das fand ich schäbig. Es ist ja auch eine gewisse Täter-Opfer-Umkehr, wenn man sagt, die Person, die den Hass abbekommt, drängt uns das Thema auf, einfach weil sie ist, wer sie ist.»
Der Angriff aus dem eigenen politischen Umfeld zeigt nebenbei, dass es keineswegs immer intelligenzreduzierte Männer sind, die Bodyshaming betreiben. Auch Frauen können und tun das, wenn auch meist auf eine etwas andere Weise. Aber nicht weniger perfid, wie Lang im Interview erzählt.
Moralischer Druck, nichts zu ändern
Trotz ihrer Erfahrungen hat Ricarda Lang nun wieder öffentlich über das Thema Körpergewicht gesprochen, sehr ausführlich sogar. Anlass für das Interview war, dass Lang seit ihrem Rücktritt sichtbar abgenommen hat. Nicht wegen den Angriffen («sonst hätte ich das schon lange gemacht»), sondern aus gesundheitlichen Gründen. Ein gefundenes Fressen für die Medien. Doch Ricarda Lang äussert sich auch zum Thema Abnehmen, wie man sie aus Talkshows kennt: wohltuend differenziert und sich selbst reflektierend.
Dass etwa die Body-Positivity-Bewegung vielen dicken Menschen hilft, aus der Fremd- und Selbstabwertung herauszufinden, hält sie für durchaus nachvollziehbar. Doch: «Für mich waren da immer zwei Dinge problematisch. Zum einen die Idee, man müsse sich dauernd wohlfühlen und stolz sein auf seinen Körper. Das habe ich fast als neuen Stress erlebt. Wenn ich vor dem Spiegel stand und mich schlecht fühlte, dachte ich, oh Gott, jetzt bist du auch noch nicht feministisch genug, weil du nicht schön findest, was du im Spiegel siehst. Tatsächlich war es für mich aber auch manchmal … das ist jetzt total schwer zu erklären … fast ein moralischer Druck, nichts zu ändern.»
Sie könne sich ja selbst nicht die ganze Zeit den Druck machen, als Projektionsfläche Verantwortung zu tragen. «Ich muss ja auch zusehen, dass es mir gut geht. Eigentlich müsste das Ziel sein – und das ist in der Gesellschaft, in der wir leben, verdammt schwer –, einen entspannteren Umgang mit diesem Thema zu finden und nicht zu sagen, wir drehen einfach alles ins Gegenteil um, da, wo Abwertung war, darf nur noch Stolz sein. Ich glaube, wenn es einfach ein bisschen normal wäre, die Körper von anderen nicht zu kommentieren und niemandem reinzureden, würden sich mehr Leute mit dem Thema Gesundheit auseinandersetzen.»
Nicht alles in den Diskriminierungstopf werfen
Skeptisch sieht sie auch die jüngst aufgekommene Idee, Beleidigungen und Angriffe aufgrund des Körpers als Diskriminierungsmerkmal in entsprechende Gesetze aufzunehmen. «Es gibt aus meiner Sicht einen Unterschied zwischen einer historisch gewachsenen menschenfeindlichen Ideologie wie Rassismus oder Antisemitismus und der Abwertung, die Dicke erleben. Wenn wir alles in einen Topf werfen, wird am Ende das Schwert eher stumpfer.»
Da ist viel Wahrheit und Selbstreflexion drin. Erfreulich deshalb, dass Ricarda Lang nur eine Auszeit genommen. In einem offenen Brief nach ihrem Rücktritt als Parteivorsitzende unterstrich sie die Notwendigkeit, in der Politik neue Spielregeln zu schaffen und ermutigte junge Menschen, sich nicht zurückzuziehen, sondern die Zukunft aktiv mitzugestalten. Sie jedenfalls kandidiert ungeachtet aller üblen Erfahrungen bei der kommenden Bundestagswahl erneut, denn: «Ich habe noch nicht fertig!»
Quelle: Zeit-Magazin 04/2025


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