Fünf Jahre lang war es still um die Frauen in Afghanistan. Jetzt, ein halbes Jahrzehnt nach dem überhasteten Abzug der Nato-Truppen, dringen wieder Berichte über das Leben unter den Taliban an die westliche Öffentlichkeit.
Freie Medien gibt es in Afghanistan nicht mehr, aber der britische «Guardian» hat Zeugnisse von mutigen Undercover-Reporterinnen aus dem Land veröffentlicht (Link siehe unten). Es sind Schilderungen, in denen geschlossene Räume eine wichtige Rolle spielen und Fenster, durch die eine Frau zu gewissen Tageszeiten gerade noch schauen darf. Unterwegs sind Männer, die sich ungehemmt als Sittenwächter aufspielen und mitunter gefährlich sind. Frauen dürfen vielerorts zu zweit auf der Strasse sein, in gewissen Gegenden jedoch nicht ohne männliche Begleiter. Und sie tragen wieder Burka.
Dazu kommt ein harter Überlebenskampf. Viele Afghaninnen haben drei oder mehr Kinder. Wenn ihre Ehemänner ausfallen (zum Teil sind sie kriegsversehrt), stemmen die Mütter den Lebensunterhalt selbst, meist in bitterer Armut. Die humanitäre Lage ist katastrophal. Erwerbsarbeit gibt es für Frauen nur noch im medizinischen Sektor. Einige verdienen ein wenig Geld als Ziegelbrennerinnen, oder sie nähen oder knüpfen Teppiche. Eine ganze Generation Mädchen wächst mit nur sechs Jahren Primarschulbildung heran. Wenn in diesen Texten nicht auch von Träumen oder Hoffnung die Rede wäre, wir wären beim Lesen erstickt.
Ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit
Und es sind nicht wenige, die in dieser Gefangenschaft ausharren müssen. Afghanistan zählt ungefähr die 22 Millionen Frauen. Als die Taliban vor fünf Jahren Kabul ganz ohne Aufwand zurückeroberten, mag sich manch eine westliche Medienkonsumentin gefragt haben: Will eine Mehrheit der Menschen im Land vielleicht ein derart extremes muslimisches Regime? Wissen können wir es nicht, es gibt keine Wahlen mehr. Es ist ebenso wahrscheinlich, dass sich einfach die skrupellosesten Krieger durchgesetzt haben. Die ehemalige afghanische Frauenministerin Sima Samar jedenfalls hat eine klare Antwort auf diese Frage: Hier handle es sich um Verbrechen gegen die Menschlichkeit, sagt sie. «Die Taliban negieren die Menschlichkeit und die Menschenwürde der weiblichen Bevölkerung in Afghanistan.»
Bessere Chancen auf Asyl
Was aber kann der Westen tun, nachdem zwanzig Jahre westliche Militärpräsenz in Afghanistan nichts verändert haben? Was kann die Schweiz tun? Immerhin hat sie ihre Praxis gegenüber weiblichen afghanischen Geflüchteten 2023 geändert. Diese können nun als Opfer diskriminierender Gesetzgebung und auch einer religiös motivierten Verfolgung betrachtet werden und haben so bessere Chancen auf Asyl (wobei es nach wie vor eine Einzelfallprüfung gibt). In den Jahren 2021 bis 2025 haben 32 908 Personen aus Afghanistan ein Asylgesuch in der Schweiz gestellt, davon 9644 Frauen und 23 264 Männer.
Auch die eidgenössische Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) ist in Afghanistan wieder aktiv. Samar unterstützt dieses Engagement ausdrücklich: «Niemand kann das ganze Land auf einmal verändern, aber jeder kleine Tropfen hilft.» Dabei bleibe die Schwierigkeit, dass Helfer vor Ort auch mal zu Komplizen des Regimes werden. Dennoch: «Die Schweizer können viel tun. Sie sollten in einer fortgesetzten, auf Prinzipien gegründeten Verhandlung mit dem Regime in Kabul bleiben. Nicht ein folgsamer Partner werden.»
Afghaninnen brauchen unsere Solidarität mehr denn je
Die in der Schweiz lebende Afghanin Benafsha Efaf richtet auf Amnesty International einen dringenden Appell an die Schweiz. Die afghanischen Frauen würden die Solidarität der Schweiz mehr denn je brauchen. Diese müsse humanitäre Visa an Aktivistinnen und Aktivisten und Frauen in erheblicher Gefahr durch die Taliban zu vergeben. Afghanische Männer und Jungen in der Schweiz müssten durch Familienzusammenführung unterstützt werden.
Es gibt auch Hilfsorganisationen, die in Afghanistan präsent sind, etwa womenshope.ch oder medicamondiale.org. Auch das World Food Programme bittet verzweifelt um Geld. Spenden können Sinn machen, auch wenn Efaf sagt: «Afghanische Frauen erwarten keine Almosen – sie fordern Gerechtigkeit und Solidarität. Ich träume von einer Welt ohne Gewalt, in der afghanische Frauen ihre Stimme ohne Angst erheben können.»
Mehr erfahren / Quellen:
The Guardian; 11.08.2026: «We are still here: a day in the life of 12 Afghan women»
Schweizerische Gesellschaft für Aussenpolitik, Interview mit Johann Aeschlimann, Juli 2026:
«Die Schweizer können viel tun»
Amnesty Schweiz: Benafsha Efaf, 24.11.2024:
«Afghanische Frauen fordern Gerechtigkeit und Solidarität»
Zan Times: Afghan Women News Media
Watson, 01.11.2023: Afghaninnen seit Juli als Flüchtlinge anerkannt
Spenden:
Afghanistan | World Food Programme


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