Hitzewellen sind für alte Frauen insgesamt gefährlicher als für Männer. Deshalb war es ein Verein von Verein von Seniorinnen, der die Schweiz beim Europäischem Gerichtshof für Menschrechte wegen ungenügendem Klimaschutz verklagte und 2024 Recht bekam. Ein Buch und ein Film zeichnen die spannende Geschichte von der Gründung bis heute nach.
Für junge Frauen war der Extremsommer 2003 grossartig: endlose Tage im Schwimmbad, nie kalte Füsse und abends im Sommerkleid in den Ausgang, ohne Jäckchen. Für viele ältere Menschen aber war er mörderisch. Europa zählte 70’000 Hitzetote, in der Schweiz starben 1000 Menschen mehr als üblich, die meisten waren über 75 Jahre alt.
Warum Hitzewellen alte Frauen besonders gefährden
Für alte Frauen sind hohe Temperaturen bedrohlich. Mehr noch als für Männer, und zwar aus physiologischen Gründen: Frauen schwitzen meist weniger, haben eine dünnere Haut und mehr isolierendes Fett darunter. Daher reguliert sich ihre Körpertemperatur weniger gut. In einem weiteren Hitzesommer – 2022 – stellte man fest: 60 Prozent der an Hitze verstorbenen älteren Menschen waren Frauen. Dass sie generell eine höhere Lebenserwartung haben, ist ein Faktor – aber nicht der ausschlaggebende. Wichtiger sind teils auch soziale Gründe: zum Beispiel, dass sie öfter allein leben. Oder dass manche von ihnen Angehörige pflegen, was es schwieriger macht, bei hohen Temperaturen flexibel zu sein.
Klage eines Vereins Betroffener hat die besten Chancen
Diese besondere Situation bildete 2016 den Anlass für die Gründung des Vereins Klimaseniorinnen (mit Unterstützung der Umweltorganisation Greenpeace). Eine solche Gruppierung Betroffener ist beim juristischen Kampf für besseren Klimaschutz optimal – auch, weil sie immer neue Mitglieder aufnehmen kann. So machten sich die Frauen mit ihren Forderungen auf den Weg durch die Schweizer Instanzen. Ohne Erfolg. Danach klagten sie am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Zwei neue Publikationen zeichnen den Weg von der Vereinsgründung bis heute genau und gut verständlich nach: das Buch, «Als die Schweiz ins Schwitzen kam», das die Journalistin Brigitte Hürlimann zusammen mit der Klimaseniorinnen-Anwältin Cordelia Bähr und Co-Präsidentin Elisabeth Stern verfasst hat. Und der Dokumentarfilm «Trop chaud» von Daniel Hitzig, Ramón Königshausen und Benjamin Weiss.
Am 9. April 2024 gab das hohe Gericht zu Strassburg den Seniorinnen recht: Die Schweiz unternimmt zu wenig im Kampf gegen den Klimawandel. Sie hat das Recht der Frauen auf Privat- und Familienleben und jenes auf ein faires Verfahren verletzt.
Standing Ovation hier, frauenfeindliche Sprüche da
Das Urteil war eine Sensation. Die Reaktionen waren und sind teils überwältigend positiv. Im April 2025 etwa setzte das amerikanische «Time Magazine» Cordelia Bähr auf die Liste der 100 einflussreichsten Personen. Und bei einer Vorführung von «Trop chaud» am Filmfestival Solothurn im Januar 2026 bekamen die anwesenden Klimaseniorinnen eine Standing Ovation. In der Schweizer Politik dagegen: lange Gesichter, Konsternation, Abwehr. Der Tenor: Es sei nicht die Aufgabe von 17 europäischen Richterinnen und Richtern, zu entscheiden, welche Klimapolitik die Schweiz zu befolgen habe. Auch frauen- und altenfeindliche Töne waren bei den Debatten im National- und Ständerat 2024 unüberhörbar.
Die Forderungen der Frauen – etwa jene nach einem aktualisierten Klimabudget und neuen Klimazielen – fanden in Bern kein Gehör. Immerhin: Viele Städte und Gemeinden schützen heute ältere Menschen besser vor Hitze als noch 2003 – etwa mit mehr Information, Telefonketten und baulichen Massnahmen. 2024 forderte ein weiterer Hitzesommer in Europa über 16000 Menschenleben. In der Schweiz waren es laut dem Monitorin des Bundes 200.
Der Kampf für mehr Klimaschutz muss weitergehen
Für Seniorinnen und Senioren – und das sind irgendwann die meisten von uns – ist das nicht genug. Nötig ist eine starke Reduktion der CO2-Emissionen weltweit. Die Hoffnung, dies zu erreichen, schwindet angesichts der Weltlage momentan schneller als die Gletscher in den Hochalpen. Doch Co-Präsidentin Elisabeth Stern blieb bei einer Präsentation des Buches beharrlich: Jede und jeder einzelne solle weiter das tun, was dem Klimaschutz nützt: weniger fliegen, weniger Auto fahren, weniger Fleisch essen. Von einer Fixierung auf das tägliche Kleinklein riet sie aber ab: «Jedes einzelne Joghurtbecherli sauber zu trennen, ist schön und recht, bringt aber wenig.» Wirksamer sei es, Massnahmen im Finanzbereich ins Auge zu fassen. Zum Beispiel: «Fragt mal bei eurer Pensionskasse nach, wie sie eure Rentenersparnisse angelegt haben!»
Mehr erfahren:
Brigitte Hürlimann, Cordelia Bähr und Elisabeth Stern: «Als die Schweiz ins Schwitzen kam – die Klimaseniorinnen»; Limmat Verlag, Zürich, 2025.
Link zum Film Too Hot
Hitzebedingte Sterblichkeit: Monitoring und Massnahmen. National Center for Climate Services, Bundesamt für Gesundheit


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