Die Bestsellerautorin Chimamanda Ngozi Adichie begleitet in ihrem neuen Roman «Dream Count» vier Frauen auf Selbstsuche. Es geht um Liebe, Macht, Geld und sexuelle Gewalt.
Die «Guardian»-Redaktion» erkor den neusten Roman der nigerianischen Kosmospolitin Chimamanda Ngozi Adichie zu einem der besten des Jahres 2025. Sie nannte das 528-seitige Werk ein «Kompendium der weiblichen Erfahrung» und trifft es damit gut. Denn ob die scheinbar skrupellose Bankerin Omelogor sich bei ihrem Chef unentbehrlich macht; ob Anwältin Zikora nach endlosen Geburtswehen um eine Epiduralinjektion bettelt; ob Chiamaka eines Morgens im Spiegel ihr erstes graues Haar entdeckt; oder ob Kadiatou ihre Uniform anzieht, um eine Hotelsuite zu putzen – immer wieder wird deutlich, wie vielfältig und doch wie typisch und spezifisch weiblich das ist, was die (durchwegs heterosexuellen) Protagonistinnen in diesem Buch tun und erleben.
Träume verwirklichen in den USA
Vier Frauen, die in einem urbanen Zentrum an der Ostküste der USA ihre Träume verwirklichen wollen. Das klingt wie Chicklit – jenes Unterhaltungsgenre, das mit der Fernsehserie «Sex and the City» um die Jahrtausendwende seinen Zenit erreichte. Damals standen vier weisse Frauen auf der Suche nach Sex und einer Karriere in New York im Mittelpunkt. Wie die Heldinnen von «Sex and the City» haben jene von «Dream Count» – mit Ausnahme von Kadiatou – keinerlei Geldsorgen.
Doch die vier Protagonistinnen in «Dream Count» müssen sie sich in deutlich vielschichtigeren Situationen zurechtfinden als einst Carrie und Co.: Da sind die Erwartungen ihrer liebenden, aber auch fordernden Familien in Afrika. Da ist ihre Hautfarbe, dazu eine Pandemie und die Borniertheit des ach so liberalen, akademischen Ostküsten-Milieus. Ja, selbst ihr Wohlstand wird zur Herausforderung: «Richtige» Afrikanerinnen sind gefälligst arm – unmöglich können sie oder ihre Familien auf unverdächtige Weise zu Geld gekommen sein.
Ohne Vorbehalte auf der Seite der Frau
Sex gibt’s da so nebenbei und meist genussvoll – ausser bei Kadiatou: Als Asylbewerberin USA gekommen, macht sie ihren Weg als Zimmermädchen. Eines Morgens fällt ein illustrer Gast über sie her. Ihre Geschichte ist an jene von Nafissatou Diallo angelehnt, die wahrscheinlich 2011 von Dominique Strauss-Kahn vergewaltigt wurde, damals Direktor des Internationalen Währungsfonds. Adichie sagt, sie habe Diallo nie kennengelernt. Aber sie entwirft ihre Version der Geschichte und bezieht dabei ohne Vorbehalte Stellung für die Frau – anders als damals die US-Justiz.
Denn Adichie ist Feministin. Was das für sie und aus einer durchaus afrikanischen Perspektive bedeutet, erläutert sie in ihrem sehr sehenswerten TED-Talk «We Should All Be Feminists» von 2012: «Männer und Frauen sind verschieden. Wir haben unterschiedliche Hormone, unterschiedliche Geschlechtsteile, wir haben eine unterschiedliche Biologie. Frauen können Babys haben, Männer nicht – noch nicht», sagte sie. «Männer haben Testosteron und sind im Allgemeinen körperlich stärker als Frauen. Es gibt etwas mehr Frauen als Männer auf der Welt – etwa 52 Prozent der Weltbevölkerung sind Frauen. Aber die meisten Positionen mit Macht und Prestige werden von Männern gehalten.»
Die Kraft von Frauenfreundschaften
Spätestens seit ihrem Roman «Americanah» (2013) gilt Adichie als Meistererzählerin. Es ist sicherlich kein Zufall, dass sie sich mit «Dream Count» einem Unterhaltungs-Genre nähert. Es ist ein Genre, das viele Frauen anspricht und die Gemeinsamkeit weiblicher Erfahrung betont und feiert. Und nicht nur sie, sondern auch die Resilienz, die aus weiblicher Freundschaft und Zusammengehörigkeit entstehen kann.
Chimamanda Ngozi Adichie: «Dream Count», S. Fischer Verlag, 528 Seiten.
Mehr erfahren:
Chimamanda Ngozi Adichie – Wikipedia
Wir sollten alle Feministen sein | Chimamanda Ngozi Adichie | TEDxEuston – YouTube (mit deutschen Untertiteln)


Schreiben Sie einen Kommentar