Ihr früherer Arbeitgeber wurde mit einer happigen Busse belegt: die frühere Professorin der Universität Sussex, Kathleen Stock.

Überraschendes Urteil im Fall Kathleen Stock

Damit hat wohl niemand gerechnet: Im Fall der Philosophieprofessorin Kathleen Stock ist die Universität Sussex zu einer Busse von 585 000 Pfund verurteilt worden. Die  Universitätsleitung habe es «versäumt, die Meinungsfreiheit und die akademische Freiheit zu schützen», so die Aufsichtsbehörde in der Urteilsbegründung.  

Die Geschehnisse rund um die Philosophieprofessorin Kathleen Stock könnte deren früheren Arbeitgeber teuer zu stehen kommen: 585 000 Pfund beträgt die Busse, mit der die Hochschulaufsichtsbehörde die Universität Sussex belegt hat. Begründung: ungenügendem Schutz der Meinungs- und Forschungsfreiheit. Nach jahrelangen, zuletzt tumultartigen Anfeindungen durch Transaktivisten auf dem Campus sah Stock sich 2021 gezwungen, ihre Professur aufzugeben. Sie hatte während 18 Jahren an der Universität gearbeitet. Der erzwungene Rücktritt machte damals weltweit Schlagzeilen. Auslöser waren Stocks Haltung zur Geschlechterthematik und zu bestimmten Rechten für trans Personen. Insbesondere, dass trans Frauen Zutritt zu geschützten Frauenräumen erhalten sollten, lehnte Stock ab. Dies wurde ihr als «Transfeindlichkeit» angekreidet.

Auch Dozenten anderer Unis machten mit
«Die Mühlen der Justiz mahlen langsam, aber sie mahlen fein.» Mit diesem Zitat von Sun Tzu kommentiert Stock nun die rekordhohe Busse auf der Plattform Unherd. «Die Tatsache, dass es sich dabei offenbar nur um die Hälfte der Summe handelt, die von der Universitätsaufsichtsbehörde zuerst genannt worden war, scheint die Unileitung nicht sonderlich aufgemuntert zu haben», fügte sie bei. Ihr Sarkasmus ist verständlich, denn nach ihrem Rücktritt dauerte die Kampagne gegen ihre Person auf diversen Medienkanälen unvermindert an. Auch Personen aus dem internationalen akademischen Milieu beteiligten sich daran. Dies, obwohl es für den Vorwurf der Aktivisten, Stock sei transphob würde das Existenzrecht von trans Personen in Frage stellen, keine Belege gibt.

Unvereinbar mit akademischer Freiheit
Die unerwartete Wende wurde möglich wegen einer vom britischen Ex-Premierminister Sunak ins Leben gerufenen Behörde zum Schutz der akademischen Freiheit, das Office for Students (OfS). Das OfS beanstandete insbesondere  eine Richtlinie der Universität, wonach trans- und nicht-binären Personen sowie ein Trans-Lebensstil in Lehrmitteln zwingend positiv darzustellen seien. Die Aufsichtsbehörde sieht in dieser Anweisung ein Druckmittel zur Selbstzensur von Universitäts-Mitarbeitenden und Studierenden, das mit der akademischen Freiheit unvereinbar sei. Tatsächlich sagte Stock, sie habe die Inhalte ihrer Lehrveranstaltungen aufgrund des Drucks angepasst und äussere sich heute zurückhaltender zur Thematik.

Forschungsfreiheit kontra Minderheitenschutz?
Die Universitätsleitung will die Busse anfechten. «Diese so genannte Untersuchung ist fehlerhaft und politisch motiviert», schreibt die Vize-Dekanin Sasha Roseneil in einer Stellungnahme. Statt die Universität bei der Suche nach besseren Lösungen zu unterstützen, würde das OfS den Kulturkampf befeuern, so Roseneil. Die Universitäts-Leitung sei immer an der Seite von Stock gestanden. Die freie Meinungsäusserung und die Forschungsfreiheit dürfe jedoch keinen absoluten Vorrang haben; die Unileitung müsse Beschimpfungen, Belästigungen und Mobbing gegen Minderheiten sanktionieren können. Dies werde mit dem Urteil nun verunmöglicht.

Bildungsministerin Bridget Phillipson sieht dies anders: «Freie Meinungsäußerung und akademische Freiheit sind an unseren Universitäten nicht verhandelbar, und ich habe deutlich gemacht, dass dort, wo diese Prinzipien nicht eingehalten werden, harte Massnahmen ergriffen werden», so Phillipson laut einem Bericht des Guardian. «Wer an eine Universität geht, muss bereit sein, seine Ansichten in Frage zu stellen, andere Meinungen zu hören und unbequeme Wahrheiten zu erfahren. Wir geben dem OfS stärkere Befugnisse in Bezug auf die Meinungsfreiheit, damit Studenten und Akademiker nicht durch den in diesem Fall demonstrierten Abschreckungseffekt mundtot gemacht werden.»

Das letzte Wort ist also noch nicht gesprochen. Obwohl nicht primär die Kampagne gegen Stock Gegenstand des Urteils ist, sondern die erwähnte Anweisung zur positiven Darstellung, bleibt eine zentrale Frage unbeantwortet: Wann ist eine andere Meinung eine andere Meinung, und wann fällt sie in die Kategorie Verunglimpfung, Bedrohung und Mobbing? – Und ist Letzteres ungleich verwerflich, je nachdem, um wen es geht?

 

Quelle: The Guardian, 26.3.25

Mehr erfahren:
Kathleen Stock: «Material Girls – Warum die Wirklichkeit für den Feminismus unerlässlich ist»
Edition Tiamat, 2022.

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