Frauen dürfen sich am Feministischen Streik mitgemeint fühlen. Vorausgesetzt, sie werden weiblich gelesen. Über einen Backlash der besonderen Art.
Um gleich Klarheit zu schaffen: Von aussen betrachtet bin ich eine Frau. Und ich fühle mich als Frau, als Subjekt mit einer Stimme, als Feministin. Ich war mehrmals am Frauenstreik (wie das früher hiess). Ich liebte die Zusammengehörigkeit dort, den Lärm, die Fröhlichkeit. Und ich bin für gleich viel Familienarbeit für alle. Aber dann war neulich in unserer Lokalzeitung vom Feministischen Streik 2024 die Rede. Dort würden – so hiess es im Kommentar – die Anliegen «weiblich gelesener Menschen» vertreten.
Stille Gestalten
Zuerst stutzte ich. Bin ich ein «weiblich gelesener Mensch?», fragte ich mich. Ja, ich glaube, ich bin da mitgemeint, dachte ich – und dann hatte ich eine allergische Reaktion. Ich konnte geradezu sehen, wie die Haut meiner Gender-Identität zornesrot wurde. Ich meine: Waren wir Frauen nicht lange genug aufs Gelesenwerden spezialisiert? «Little girls should be seen, but not heard», heisst es auf Englisch. Man sollte uns als kleine, süsse Mädchen einordnen können, und wehe, wir machen die Klappe auf! Und das war dann eine Lektion, die wir auch gleich fürs ganze Leben lernten. Aber darüber sind wir 2024 hinweg, dachte ich. Bis zum Feministischen Streik. Dort werden wir jetzt also wieder begutachtet und gelesen und auf unsere Oberfläche reduziert. «Weiblich gelesene Menschen», das sind stille Gestalten, die man vielleicht sogar nur anschaut und nicht einmal wirklich sieht.
Jaja, ich weiss: Der Feministische Streik will allen Menschen Raum geben, die in der westlichen Geschlechterordnung diskriminiert werden. Damit bin ich ja auch komplett einverstanden. Aber mir ist der Preis, dafür ein «weiblich gelesener Mensch» zu werden, zu hoch. Ich bin eine Frau und will als solche nicht einfach ausgelöscht werden.
Bloss Scharade?
Ich hatte sowieso keine Zeit zu streiken und ging nur kurz an den violetten Fahnen im Park vorbei. Ich sah dort erstaunlich viele junge Menschen mit Bärten, breiten Schultern und haarigen Beinen. «Sind das jetzt diese ‘weiblich gelesenen’ Menschen?», fragte ich mich. Viele von ihnen hatten auch Kinder dabei, mit denen sie spielten. Ich brach in schallendes Gelächter aus. Vielleicht nehme ich das alles zu ernst, dachte ich. Vielleicht ist dieses Lesen und Gelesenwerden nur eine Scharade. Vielleicht kommen wir dahinter dem Ziel der gleichen Familienarbeit für alle doch endlich näher.


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