Auch wir auf dem alten Kontinent fiebern den Präsidenschaftswahlen in den USA entgegen. Sehr viele hoffen, dass die Demokratin Kamala Harris uns vor einer zweiten Amtszeit von Donald Trump bewahren wird. Doch wie stark ist Harris? Ihre Memoiren geben Antworten, die mit einer gewissen Vorsicht zu geniessen sind.
Donald Trump war schon damals der Elefant im Raum. Selbst der Titel der 2019 erschienen Memoiren von Kamala Harris liest sich wie eine Kampfansage an den notorischen Lügner: «Der Wahrheit verpflichtet»*. Und im Vorwort des Buches schreibt sie, der Kampf gegen den amtierenden US-Präsidenten sei ein Kampf für die Seele der Nation. 2020, kurz nach Publikation des Buches, trat die Senatorin aus Kalifornien erstmals an, um Trump zu besiegen. Sie scheiterte in den Vorwahlen, Joe Biden wurde Präsident und berief sie zu seiner Vizepräsidentin.
Kann sie es diesmal schaffen? Diese Frage kann uns das Buch nicht beantworten. Aber es sagt uns wieder und wieder: Kamala Harris hat sich immer für die kleinen Leute in den USA eingesetzt und dabei sehr viel erreicht. Sie hat sich für die Grundwerte Amerikas eingesetzt, für die Demokratie, und sie wird dies auch weiterhin tun.

Sie sei in der Überzeugung erzogen worden, dass über sich selbst zu sprechen eitel und narzisstisch sei, schreibt sie. Und tatsächlich wirken die Passagen über ihr persönliches Leben seltsam blass. Harris leitet zwar fast jedes Kapitel mit Erinnerungen an ihre Kindheit ein, oder mit der einen oder anderen Anekdote über ihr tolles Team oder ihren Ehemann Doug Emhoff und seine Kinder aus erster Ehe. Dabei spart sie nicht mit Gefühlsbekundungen, das erwartet man in den USA ja auch von einer Politikerin. Am meisten bewegt dabei das Bild, das sie von ihrer Mutter zeichnet. Shyamala Gopalam Harris verliess als junge Forscherin ihre Heimat in Indien, um im Tausende Meilen entfernten Amerika «dem Brustkrebs ein Ende zu bereiten» und den amerikanischen Traum zu leben. In den USA traf sie Donald J. Harris, einen jungen, Schwarzen Ökonomen aus Jamaika. Die beiden heirateten und hatten zwei Töchter, Kamala und Maya. Der Vater verschwindet früh aus dem Leben der jungen Familie. Es ist die Mutter, die ihre Töchter fördert und fordert und ihnen ihre Werte mitgibt: für die Allgemeinheit da zu sein, hart zu arbeiten, genau hinzuschauen.
Familiengeschichten als Folie
Mit ihren Familiengeschichten bereitet Harris aber oft einfach den Boden, auf dem sie ihr politisches Engagement ausbreitet. So berichtet sie im dritten Kapitel zunächst, wie ihre Mutter für sich und die Töchter ein Eigenheim kaufte. Die Mutter wollte den Mädchen ein Gefühl von Stabilität geben. Eigenheimbesitz, das höchste Ziel vieler Amerikanerinnen und Amerikaner des unteren Mittelstandes – und schon ist Harris bei der Finanzkrise von 2008, während der Millionen Menschen in den USA ihr Eigenheim verloren. 2011 wurde Harris Generalstaatsanwältin im am meisten betroffenen Staat Kalifornien. Sie berichtet von verödeten Vorstädten, in denen die Banken gewütet hatten: Sie hatten Tausende von Häuschenbesitzern von ihren Grundstücken gejagt, weil sie mit der Hypothekenzahlung in den Rückstand geraten waren. Es war auch viel Betrug im Spiel. Eine Katastrophe.
Keine Angst vor den Mächtigen
Nun schildert Harris ihr Meisterstück: Sie nimmt es mit den Bankenchefs auf, die den betroffenen Staaten eine Entschädigung zahlen und so der Strafverfolgung entgehen wollten. Es war eine kleine Entschädigung. «Brosamen auf dem Tisch», wie sie schreibt. Die anderen Generalstaatsanwälte wollen dem Deal schon zustimmen, als Harris neu ins Amt kommt. Sie will nicht und legt sich sogleich mit ihren Kollegen aus den anderen Staaten an. Sie will eine anständige Entschädigung, damit die Staaten den Betroffenen helfen können. Und sie will die Hypotheken-Betrüger drankriegen. Um ihr Ziel zu erreichen, scheut sie nicht vor der direkten Konfrontation mit Jamie Dimon zurück, einem der wichtigsten Bankenchefs der USA. Und sie gewinnt.
Hier ist Harris leidenschaftlich, und hier setzt sie ihre Botschaft: Sie hat keine Angst, es mit den ganz Grossen aufzunehmen. Natürlich gab es später Kritik: Das Geld, das Harris von den Banken errungen habe, habe keine einzige Häuschenbesitzerin gerettet. Aber Harris ist in ihrer Geschichte bei den Fakten geblieben – auch das zählt.
Harris erwähnt Donald Trump im Hauptteil des Buches kaum. Erst gegen Schluss verweist sie auf den massiven Einfluss, den russische Cyber-Attacken auf die Wahl von Trump hatten – und dass seine Regierung nichts unternahm, um das Problem zu beheben.
Und jetzt, im November 2024, wird sie selbst den Elefanten im Raum konfrontieren.
Harris’ Memoiren skizzieren, woher sie kommt. Was für eine Persönlichkeit sie ist, ist auf Bildschirmen besser sichtbar als im Buch. Bilder vom Mienenspiel, mit der sie Trump in der Fernsehdebatte vom 11. September begegnete, gingen um die Welt. Es bleibt uns nichts anderes übrig als darauf zu hoffen, dass sie Trump schlagen kann. Denn er ist eine Gefahr für die Demokratie, und nicht nur für jene in den USA.
* Der englische Originaltitel lautet «The Truths We Hold», was auch bedeuten kann, dass Widersprüche einander nicht ausschliessen.
Kritik am Banken-Deal, den Harris erreichte:
Kamala Harris Celebrates Her Role in the Mortgage Crisis. The Reality Is Quite Different. (theintercept.com)


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