Im zweiten Teil unseres Billboard-Interviews mit Barbara Wiskemann und Henriette Lutz befassen wir uns näher mit den creatrices. Und mit zwei Rahmenbedingungen weiblicher Lebensgestaltung: Sicherheit und Verfügbarkeit von Wohnraum.
Der neuste Billboard bei der Bahnhofsausfahrt in Zürich trägt die Aufschrift: «Wenn nicht alles unter einen Hut passt, könnte der Hut das Problem sein.» Unter euren Hut passt die Vorstandstätigkeit bei den creatrices.ch. Warum?
Henriette: Das Engagement für créatrices ist für mich ein Herzensprojekt. Unter meinen Hut passt es nicht unbedingt immer, aber es geht mir um die Sache, und dafür biege ich mir meinen Hut manchmal irgendwie zurecht. Der Verein créatrices.ch setzt sich dafür ein, Frauen in gestalterischen Berufen sichtbarer zu machen und feministischen Anliegen eine Plattform zu bieten. Für diese Themen sind Aktionen im öffentliche Raum wichtig. Besonders, um auch Menschen ausserhalb unserer Bubble anzusprechen.
Spielwiese für Ideen
Barbara: Auch bei mir ist das Engagement für créatrices manchmal besser, manchmal schlechter mit meinen anderen Verpflichtungen vereinbar, aber es ist auch für mich ein Herzensprojekt, ich habe den Verein 2017 mitgegründet. Er funktioniert für mich auch als eine Spielwiese, wo wir im Kollektiv Ideen verwirklichen können. Eine grosse Aktion war beispielsweise 2021 die Installation Fraumünsterhof21 zu 50 Jahren Frauenstimmrecht auf dem Münsterhof in Zürich – eine unglaublich tolle Installation, die wir mit Studierenden der ETH Zürich realisieren konnten, und die im Herzen der Stadt diesen so wichtigen Meilenstein der Emanzipation feierte – die öffentliche Schweiz war dagegen eher zurückhaltend.
Und warum das Billboard?
Barbara: Die Idee ist im Nachgang zum FrauMünsterhof2021 entstanden, Nelly Pilz aus unserem Vorstand hatte den Wilden Platz am Bahngleis gesehen und ihn als idealen Ort verstanden, um mit einer Installation den öffentlichen Raum zu bespielen. Mit einem Open Call für die Textinhalte im Herbst 2024 konnten wir schon sehr viele Leute erreichen: Es wurden 848 Texte eingereicht – sie sind übrigens alle auf unserer Website gesammelt.
Das Billboard gibt zu reden
Henriette: Um mit unseren Themen eine möglichst grosse Sichtbarkeit zu erreichen, ist das Billboard-Projekt ideal. Fast eine halbe Million Menschen frequentieren täglich den Zürcher Hauptbahnhof. Es fahren also sehr viele Menschen jeden Tag mit dem Zug daran vorbei und lesen so die monatlich wechselnden Botschaften auf unserem Billboard. Und es funktioniert: Wenn ich selbst Zug fahre, bekomme ich häufig mit, wie Mitreisende beginnen, über den jeweils aktuellen Spruch zu diskutieren.
Die Billboards nehmen Bezug auf zahlreiche feministische Themen. Zum Beispiel die Sicherheit: Als Architektinnen wisst ihr, wie Städte sie zumindest im öffentlichen Raum herstellen können.
Henriette: Zunächst einmal müssen wir zwischen tatsächlicher Unsicherheit und einem subjektiven Unsicherheitsgefühl unterscheiden. Frauen sagen oft, dass sie sich im öffentlichen Raum weniger sicher fühlen als zu Hause. Dabei werden im öffentlichen Raum Männer öfter Opfer von Gewalt als Frauen – in privaten Räumen jedoch ist die Gefahr, Gewalt zu erleiden, für Frauen deutlich grösser als für Männer. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass sich Frauen im öffentlichen Raum, besonders nachts häufig unsicher fühlen. Wir müssen versuchen, das zu verbessern. Denn wenn sich Frauen unsicher fühlen, schränken sie ihren Bewegungsradius ein, nehmen längere Wege in Kauf und halten sich weniger im öffentlichen Raum auf.
Sicherheitsgefühl erfordert eine Entscheidung
Barbara: Das Sicherheitsgefühl im öffentlichen Raum lässt sich durchaus verbessern – etwa durch genügend Licht. Doch hier ist immer eine Entscheidung nötig: Wie viel braucht es, und ist die Massnahme für alle hilfreich? Wenn in einem Park überall Licht ist, sieht man auch jene, die nachts im Park eine Schlafgelegenheit suchen. Hier gilt es zu entscheiden: Will man diese Leute mit dem Licht, das den anderen Sicherheit gibt, verscheuchen? Wichtig ist eine gute soziale Durchmischung des Publikums an öffentlichen Aufenthaltsorten. In den letzten Jahren sind an zentralen städtischen Orten wie dem Zeughaushof in Zürich oder dem Inseli in Luzern, die wegen ihrer etwas versteckteren Lage auch gerne von sozial schwächeren Gruppen genutzt worden sind, Gastrobetriebe installiert worden. Plötzlich dominieren sehr konsumfreudige und kaufkräftige Gruppen, während die anderen an unattraktivere Orte verdrängt werden.
Was tun gegen die Wohnungsnot?
Eine Frage an euch als Architektinnen betrifft die Wohnungsnot: Was tun wir gegen sie? Es wird immer schwieriger, erschwinglichen Wohnraum zu finden. Das betrifft Frauen vermutlich mehr als Männer, da Frauen oft weniger Geld zur Verfügung haben.
Barbara: Die Wohnungsnot ist ein grosses strukturelles Problem, und wir sind als bauende Architektinnen Teil der Bauindustrie, ob wir wollen oder nicht. Boden ist eine knappe Ressource, und die politische Frage lautet: Kann der Boden der Spekulation entzogen werden, oder ist sie ein Naturgesetz? Ist Boden überhaupt eine Ressource, die besessen werden kann wie ein Gegenstand? Wir können diese Diskussion mitführen als Architektinnen. Zudem können wir auf Qualität setzen und so nachhaltige Architektur bauen, gute Grundrisse, robuste und gesunde Materialien, brauchbare öffentliche Räume planen oder Gemeinschafts- oder Mehrfachnutzungen anbieten, die vielleicht nicht vorgesehen waren. Es gibt Lösungsansätze für die Wohnungskrise, zum Beispiel vergünstigte Hypotheken für Genossenschaften, Verpflichtung zum Bau günstiger Wohnungen bei Arealen, ein Leerkündigungsverbot bei Sanierungen, oder die Erhöhung des Anteils an gemeinnützigen Wohnungen. Aber bis anhin hat sich nichts als Wundermittel erwiesen.
Weniger Geld, mehr soziale Ressourcen
Henriette: Es stimmt, dass alleinstehende Frauen besonders im Pensionsalter oft weniger Geld haben als Männer. Die Forschung zeigt aber auch: Frauen sind oft besser vernetzt und haben mehr soziale Kontakte als Männer, wodurch sich für einige neue Möglichkeiten abseits des regulären Wohnungsmarktes ergeben.
Besonders problematisch ist auch, dass jüngere Frauen sich aufgrund der angespannten Wohnungsmarktsituation gezwungen sehen, in schlechten Beziehungen zu verharren. So können sie und auch ihre Kinder nicht aus gewaltvollen Beziehungen entkommen. Aber auch auf getrennt lebende Elternpaare hat die Wohnungsnot grosse Auswirkungen: Nicht nur ist die doppelte oder beim Nestmodell (hier bleiben die Kinder in der Familienwohnung wohnen und die Eltern wohnen abwechselnd auch dort beziehungsweise in ihrer eigenen Wohnung) sogar die dreifache Miete eine extreme finanzielle Belastung. Beim sogenannten Wechselmodell mit einem geteilten Sorgerecht reicht es häufig nicht, eine zweite Wohnung zu haben. Sondern an diese Wohnung werden auch Anforderungen gestellt, etwa, dass es ein zusätzliches Kinderzimmer braucht. Aber dieses zusätzliche Zimmer musst du dir leisten können.
Ein weiteres Problem stellt sich häufig für ältere Leute: Wenn du einen günstigen Bestandsmietzins hast, bleibst du dort so lange wie möglich wohnen. Auch wenn die Wohnung vielleicht nicht mehr zu deinen Bedürfnissen passt oder sogar gesundheitlich problematisch ist: Vielleicht ist die Wohnung nicht barrierefrei oder sie wird im Sommer viel zu heiss.
Brav und still funktioniert nicht
In der Architekturzeitschrift «Hochparterre» (11/25) forderst du, Henriette, eine neue Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA). Die beiden vergangenen SAFFAs seien sehr zurückhaltend mit politischen Forderungen gewesen. Heute könne man ruhig mehr Forderungen stellen. Welche wären das?
Henriette: Es ging bei den SAFFAs 1928 und 1958 durchaus um gesellschaftspolitische Forderungen. Und wir müssen differenzieren: Die SAFFA von 1928 war sehr viel fordernder als jene von 1958. 1958 stand die Abstimmung zum Frauenstimmrecht kurz bevor, und die Frauen sagten sich: Wir geben uns zurückhaltend und präsentieren uns den Männern als verlässliche Partnerinnen, dann kommt’s gut. Das hatte aber nicht geklappt und das Frauenstimmrecht wurde klar abgelehnt. Das zeigt uns auch: Brav und still sein, funktioniert überhaupt nicht gut. Aber wenn Frauen gesellschaftspolitische Forderungen stellen, dann gelten sie immer noch schnell als zu fordernd, zu harsch, zu unweiblich oder zu was auch immer. Beim Billboard haben wir uns allerdings dazu entschlossen, eher Denkanstösse zu geben oder einen Diskursraum zu öffnen und weniger konkrete Forderungen zu kuratieren.
Care-Arbeit als Wirtschaftsfaktor sichtbar machen
Barbara: Die Sichtbarmachung von Leistungen von Frauen – ein Urthema von créatrices – müsste verknüpft werden mit der Frage, welche Gruppierungen heute nicht gesehen werden, welche Arbeiten heute geringgeschätzt werden. Zudem wäre es spannend, die Sorge- oder Care-Arbeit neu als entscheidenden Wirtschaftsfaktor zu diskutieren. Welche Modelle gibt es? Wie wird Care aufgeteilt, bezahlt oder nicht bezahlt? Welchen ökonomischen, aber auch emotionalen oder sozialen Faktor stellt sie dar? Wie könnte Gleichberechtigung (zum Beispiel auch für Migrantinnen und Migranten) aussehen, die Care-Arbeit voll einbezieht? Wie sähe ein Rentenmodell aus, das nicht unterscheidet zwischen Lohn- und Gratisarbeit?
Mehr zum Thema Care-Arbeit gibt es im ersten Teil des Interviews hier.
Die Interviewpartnerinnen
Barbara Wiskemann (*1971) absolvierte das Architekturstudium an der ETH Zürich. Nach einem Aufenthalt in Berlin war sie von 2001 an selbstständig in Architektur und Publikation. Seit 2006 ist sie Partnerin im neon bureau, seit 2012 auch im Büro neon | deiss. Seit 2002 war sie immer wieder in der Lehre tätig, aktuell an der Hochschule Luzern. Barbara Wiskermann lebt mit ihrer Familie in Zürich. Sie ist im Vorstand der créatrices.ch.
Henriette Lutz (*1988) studierte Architektur an der TU München. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Berner Fachhochschule war sie Mitglied der Leitung des Instituts für Siedlung, Architektur und Konstruktion. Sie ist in Forschung und Lehre aktuell an der TU München, sowie als selbstständige Architektin und Autorin in Zürich tätig. Sie ist im Vorstand von créatrices.ch.


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